Mai
02

Die Piraten werden nicht mehr gebraucht! Rede zum Landesparteitag 2013.2

Das ist das Transcript meiner Rede zum Landesparteitag 2013.2. Ein Video reiche ich nach, sobald jemand eines online stellt :-)

Netzpolitik wird in allen Parteien inzwischen deutlich stärker wahrgenommen und ist besser verankert als 2009 – da reicht ein Blick in die Wahlprogramme.

Jimmy Schulz

Das Thema Internet ist jetzt in seiner ganzen Bandbreite bei allen Parteien angekommen, entsprechend weniger interessant sind die Piraten

Konstantin von Notz

“Das Thema Einzug der Piratenpartei in den Bundestag halte ich jedenfalls für erledigt

Axel E. Fischer

Wenn man den Worten der Mitglieder der Enquete-Kommission “Internet und digitale Gesellschaft” so zuhört, dann müssten wir eigentlich sagen: Mission Accomplished. Lasst uns nach Hause gehen, Käffchen trinken. Läuft ja alles wie wir uns das wünschen, machen jetzt die anderen. Wir hatten sozusagen Erfolg auf ganzer Linie.

Wir werden eben einfach nicht mehr gebraucht! Bevor wir jetzt aber alle heimgehen und unseren verdienten freien Samstag genießen, machen wir doch lieber mal einen Faktencheck.

Fangen wir mit der Netzpolitik an.

Hier in Bayern bedeutet Netzpolitik zu allererst einmal, dass man dafür sorgen muss, dass die Leute überhaupt ans Netz kommen. Es kann nicht angehen, dass sich die Staatsregierung mit der wirtschaftlichen Stärke und dem Fortschritt Bayerns brüstet, aber überwiegende Teile der dörflichen Bevölkerung noch am Modem hängen. Das ist Steinzeit, liebe Staatsregierung. Daran ändert auch das halbherzige Förderprogramm des Wirtschaftsministeriums nichts.

Wir werden hier grade zum Tal der Ahnungslosen 2.0 und ihr habt dem außer Bürokratie und einem “Kompetenzzentrum” nichts entgegenzusetzen. Gefördert wird, wer die 19 Stufen der Erleuchtung (also die 19 Stufen des Antragsprozederes) übersteht. Wenn es der Wirtschaft hilft, gibts ein Stück vom Fördergeld, sonst nicht. Internet als Grundrecht, so für alle Menschen? Kommt in eurer Gedankenwelt nicht vor.

Aber ihr sagt, wir würden nicht gebraucht.

Vielleicht hat das ja auch Methode, dieses Verschleppen des Breitbandausbaus. Das hat sicher unser Innenminister, der “Cyberjoachim” angeleiert. Das ist für ihn bestimmt aktive Terrorbekämpfung! Wer die Regierungserklärung unseres Innenministers gehört hat, weiß: das Gefährlichste, das wir in dieser Welt haben ist der Cyberterror. Da liegt es ja durchaus nahe, den potenziellen Terroristen – wir nennen sie auch Einwohner oder Menschen – zu unser aller Besten im 56K-Land zu belassen. Lieber Angst schüren vor Cyberattacken, Cyberterror, Cyberleben und Cybersex. Wegen ihrer Cyberpanik.

Mich beunruhigt es zu sehen, wie aus Panik vor dem angeblich “rechtsfreien Raum” des Internets ein Überwachungsapparat unvorstellbaren Ausmasses ausgerollt wird, mit Cyberabwehrzentrum und allem Drum und Dran. Die innere Sicherheit, die in Bayern schon immer zu Ungunsten der Freiheitsrechte ging, wird jetzt auch gegen die User im Internet verteidigt. Die Freiheit, unser aller Freiheit, bleibt dabei auf der Strecke.

Aber Freiheit wird ja nicht gebraucht, scheinbar, sagen sie.

Ach und da wir gerade bei dir sind, lieber Cyberjoachim: Wenn du unsere Grundrechte wegbaggern willst, dann werden wir Piraten der knallharte Boden sein, den dein _Cyber_Bagger nicht durchdringen wird. Du wirst dabei, ganz wie im echten Leben, mitsamt deinem Bagger umfallen. Wir werden im Landtag der Nadelstich sein, der dir und deinen CSU-Grandln immer wieder klar machen wird, das die Losung der Politik nur eines sein kann:

In dubio pro libertate – Im Zweifel für die Freiheit.

Wo waren wir? Ach ja richtig, wir werden nicht gebraucht!

Schauen wir uns mal die Medienpolitik an. Da gab es zum Beispiel vor einiger Zeit die Neubesetzung des Chefpostens der BLM: Der Bayerischen Landesmedienanstalt. Ein machtvollerer Posten als man auf den ersten Blick glaubt. Die BLM bestimmt über die Fördergelder der Medien und steht jugendschutz.net vor, der Organisation die in Deutschland ungesperrte Pornos sucht und aus dem Netz verdrängt.

Die BLM selbst vergibt auch schon mal Bußgelder an Künstler für “desorientierende Kunst”. Die BLM ist maßgeblich an der Neugestaltung des Jugenmedienschutz-Staatsvertrages beteiligt, berät die Regierung bei den Konsequenzen der Digitalisierung und dem daraus folgenden Medienwandel.

Die BLM ist durchdrungen von Netzpolitik.

Darüber hinaus verdient der Chef der BLM mehr als der Ministerpräsident. Man könnte meinen, das bei so einem Posten gut überlegt wird, wer auf ihn gesetzt wird. Man könnte meinen, es wird offen und transparent gearbeitet: dass der Posten im öffentlichen Interesse nach Kompetenz vergeben wird.

Und was passiert? Die Staatskanzlei, also die Regierung, bezahlt für den verdienten CSU-Parteisoldaten Sigi Schneider Hotelrechnungen, damit dieser das eigentlich staatsferne Besetzungsgremium auf Staatskosten bequatschen kann. So überzeugt man in Bayern die Leute, dass man der beste Mann für den Job ist: Man bezahlt auf Kosten der Staatskanzlei ein Lobbyessen.

So läuft Politik derzeit in Bayern – die CSU hatte ja auch schließlich genügend Zeit, um ihr Amigo-System in mehr als 50 Jahren Quasi-Monarchie zu perfektionieren. Gerichte fanden Sigis Vorgehen nicht sonderlich spaßig. Konsequenzen? Keine. Kampf durch die Opposition? Eher lächerlich. Man sitzt ja später an den gleichen Töpfen, da kann man nicht so deutlich querschiessen.

Und sie sagen, es braucht uns nicht.

So ein Verhalten passt aber ins Bild der CSU als völlig in der Luft schwebende Alleinherrscher. Die CSU ruft ja auch gerne mal in den Redaktionen der Öffentlich-Rechtlichen an und versucht auf die Berichterstattung Einfluss zu nehmen. Nicht das ich jetzt der Meinung wäre, das ZDF müsste über den Landesparteitag der SPD berichten, die Sozen in Bayern muss man nun wirklich nicht ernst nehmen – aber als CSU in der Redaktion anrufen und mit Konsequenzen drohen wenn die Konkurrenz mal Presse kriegt, geht dann doch zu weit.

Und wie die Politiker aus der Koalition und der Opposition sich bei diesem CSU-Gate angeiferten. Die eigentlich wichtige Frage, nämlich: Warum der Anruf beim ZDF überhaupt als Druck wahrgenommen wird, hat keiner gestellt. Ich meine, das ZDF könnte das doch machen wie die Redaktion des Spiegels oder der SZ, mit den Schultern zucken und sagen: ROFLCOPTER GTFO.

Keiner in der etablierten Politik hat die Systemfrage gestellt. Dann hätten sie nämlich alle zugeben müssen, dass die gleichen Leute, die die Pressearbeit der Fraktionen, Parteien, und Regierungen machen gleichzeitig in den Medienräten sitzen und über die Redaktionen und damit die Inhalte in ARD und ZDF wachen.

Wenn der Pressesprecher einer Partei anruft, ruft sozusagen der Chef des Redakteurs im Hinterkopf gleich mit an. Sie nennen das staatsfernen Rundfunk. Ich nenne das Gefügigkeitssystem. Und wir sind die einzige Partei, die derzeit fordert genau dieses Gefügigkeitssystem aufzulösen und zu sprengen. Keine andere Partei tut das.

Aber sie sagen, wir würden nicht gebraucht.

Gut, wenn wir da nicht gebraucht werden, vielleicht dann woanders. Schauen wir uns doch mal den Ladenschluss an. In Bayern leben wir da ja gut behütet, mit Öffnungszeiten, die unsere Oma noch wiedererkennen würde. Okay unsere Sozialministerin hat einen Vorstoss unternommen: sie wollte den abendlichen Alkoholverkauf an Tankstellen verbieten. Allerdings nur für Fußgänger, Autofahrer hätten sich nach wie vor mit Stoff versorgen können. Sinnvoll.

Die Konsequenz aus dieser Posse war aber nicht, endlich den Ladenschluss zu liberalisieren, wie das bereits 14 andere Bundesländer gemacht haben. Nein, das wäre dann doch zu modern! Ganz im Gegenteil. Es gibt sogar zwei Landtagsparteien in Bayern, die nicht mal den Autofahrern nachts an der Tanke ihr Bier gönnen wollen. Um die Jugend zu schützen, ihr versteht. Sicher. Irgendwie. Nach dem dritten Bier, oder nem Joint ergibt das Ganze sicher einen Sinn.

Und sie sagen wir würden nicht gebraucht!

Da wäre dann noch der Familienbegriff der anderen Parteien. Bei der CSU ist das Familienbild aus einer Fernsehwerbung der Fünfziger Jahre entlehnt, mit Papi im Büro, Mutti in der Küche, die Kinderchen dank Herdprämie zu Hause. Die Homoehe wird nicht eingeführt, weil eine “schrille Minderheit” aus der CSU sich querstellt.

Aber andere Parteien sind auch nicht besser. Sicher, sie haben nicht soviel gegen die Homoehe, aber weiter denken sie nicht. Jeder soll sich bitte nach Möglichkeit dem heteronormativen monogamen Weltbild anpassen.

Die Einsicht, dass Familie immer genau da ist, wo Menschen Sorge füreinander tragen, wo Bedürftige gepflegt werden – schlicht die Tatsache, dass der Familienbegriff sich gewandelt hat, kommt da nirgends vor!

Aber so ein Familienbild braucht auch kein Mensch!

Wir leben im Jahre 2013 immer noch in einem Staat, der Bischöfe direkt bezahlt, der bei der Finanzierung einiger Religionen einfach mithilft und und der alle Einwohner zwingt, sich an die Gebote einer Religon zu halten. Tanzen wann ich will? Ist nicht drin. Aus Respekt. Ihr versteht.

Dubstep statt Jesus braucht auch kein Mensch. Ziehet dahin und seid fromm und gläubig. Und vor allem still. Und tanzt weniger.

Und sie sagen, wir würden nicht gebraucht.

Und was ist mit sinnvollen Gesetzen, die Whistleblower schützen anstatt Menschen wie Gustl Mollath für das Aussprechen der Wahrheit in die Psychatrie zu verfrachten? Braucht kein Mensch. Stellen wir dahinten zu den Piraten in die Mottenkiste.

Gut, bei der Offenlegung der Nebenverdienste von Abgeordneten hat der Bundestag sich jetzt auf eine minimal bessere Variante geeinigt. Im bayerischen Landtag fehlt so eine Regelung vollständig. Macht man später mal, irgendwann. Und klar, die Opposition fordert das immer fröhlich ein, ist sich aber selbst zu fein, um mit guten Beispiel voranzugehen.

Aber ich will ja auch nicht zu viel verlangen, wir reden immerhin über einen Landtag, der im Jahr 2013 noch eben auf die Schnelle Gesetze zu den Nebenverdiensten der Ehefrauen der Landtagsabgeordneten erlassen muss, um Skandale nicht ganz aus dem Ruder laufen zu lassen.

Dass Bayern dank der CSU mittlerweile rüberkommt wie ein Selbstbedienungsladen für die Herrscher der Hinterwälder, verbuchen wir mal unter Realsatire.

Eine Offenlegung jeglicher Nebenverdienste der Abgeordneten gibt es derzeit nur bei den Piraten, aber die werden ja nicht mehr gebraucht.

Ich wünsche mir ja eine Sozialpolitik die erkennt, dass eine europaweite Vollbeschäftigung ein Traum aus dem 20. Jahrhundert ist. Ich wünsche mir eine Sozialpolitik, die unsere Gesellschaft so organisiert, dass alle am gemeinschaftlichen Leben teilhaben können und trotzdem motiviert sind, sich produktiv einzusetzen.

Das wollen die Piraten, aber wer braucht schon sowas!

Und grade eben schafft der größte deutsche Provider, der immerhin noch zu guten Teilen in Staatshand ist, die Flatrate ab und kämpft massiv dagegen an, sich an die Prinzipien der Netzneutralität halten zu müssen. Und unser Parlament? Rührt keinen Finger.

Verfickt und sie sagen, wir würden nicht gebraucht!

Liebe Feigenblattnetzpolitiker der CSU, Grüne, SPD, FDP: Ob eine Partei gebraucht wird oder nicht kann man nicht an Umfragewerten messen sondern an der Reife der Ideen und Forderungen, mit der sie ein Land gestalten will. Und dieses Land – grade dieses Land! – braucht unsere Politik. Wir werden gebraucht. Vor allem in Bayern.

Dieses Land braucht einen gesellschaftlichen Neustart, der die Veränderungen durch den digitalen Wandel begreift und in sinnvolle Konzepte und Gesetze umsetzt.

Dieses Land braucht einen Neustart, der den Gedanken der Plattformneutralität ins Parlament trägt.

Dieses Land braucht dringend einen Neustart der Solidarität. Zwischen den Menschen in diesem Land, zwischen den Bundesländern in Deutschland und zwischen den Staaten in Europa.

Wir brauchen einen Neustart, der die Veränderungen in dieser Gesellschaft, bei der Familienpolitik , beim Umgang mit Drogen und und und aufnimmt und endlich den passenden gesetzlichen Rahmen setzt.

Und wir Piraten sind die Partei – wir sind die einzige Partei – die diesen Neustart liefern kann.

Liebe Feigenblätter aus anderen Parteien, der Faktencheck ergibt: Wir Piraten WERDEN gebraucht!

Und ich sage mit Zuversicht: wir werden in den Bundestag und den bayerischen Landtag einziehen und wir werden diesen Neustart liefern.

Es erfüllt mich mit Stolz zu sagen: Wir Piraten sind der Neustart.

Ich bin froh sagen zu können: gemeinsam werden wir dieses Land verändern.

Deshalb genau sage ich: Mein Name ist Benjamin Stöcker und ich bin Pirat.

Feb
14

Seht ihr das da hinten – das Licht?

Kommt zum Licht am Ende des Tunnels.
Bild: Fernando de SousaCC-BY-SA

tl;dr Das Problem der Piraten ist unsere eigene Politikverdrossenheit. Nur wenn wir uns gemeinsam auf unsere Inhalte und deren Vermittlung konzentrieren, wird es etwas mit den 5%.

Liebe Piraten, ich sage das selten, aber wir müssen reden.

Wir schreiben das Jahr 2013. Superwahljahr. Wir haben Bundestagswahl und drei Landtagswahlen. Eigentlich müssten wir längst im Wahlkampfmodus sein. Themen besetzen, Leute überzeugen. Stattdessen gibt Spiegel Online unseren Heldentod bekannt.

Und sicher ist der Artikel übertrieben, aber an ihm ist etwas dran: wir Piraten geben nach außen ein miserables Bild ab. Und nein, daran ist nicht Johannes Ponader alleine schuld. Oder Christopher Lauer. Oder Bernd Schlömer. Oder Stefan Körner. Oder Klaus Peukert. Nein, wir failen alle. Gemeinsam. Wie wir gemeinsam Siege einfahren, sind wir auch alle gemeinsam an dem failen schuld.

Sicher, der Lauer hat doofe SMS geschrieben. Sicher, der Ponader hat die online gestellt. Sicher, der Peukert hat darüber getwittert, wie das mit der Sperrfrist war. Sicher, der Stefan Körner hat den politischen Aschermittwoch missbraucht, um Ponaders Rücktritt in den Vordergrund zu stellen. Und Schlömer hat… ach irgendwas hat der sicher auch mal falsch gemacht. Und alle sind schuld. Nur du nicht, nicht wahr?

Und jetzt gehe in dich. Hast du über den letzten Antrag von Christopher Lauer im Abgeordnetenhaus getwittert? Wann hast du das letzte Mal die Webseite der Piratenpartei oder deines Landesverbandes gelesen und einen politischen Beitrag von dort getwittert, geliked, geshared? Twitterst du öftes über unsere Streits oder Twitterst du öfter über unsere Inhalte? Du twitterst öfter über Innerparteiliches? Öfter als über unsere Themen? Willkommen: Du bist Teil des Problems.

Du glaubst mir nicht? Kennst du das Arbeitnehmerdatenschutzgesetz? Absolutes Piratenthema. Wir sollten uns da blind einig sein. Hast du mitbekommen das wir das Thema bearbeiten? Nein? Haben wir, zumindest etwas. Hast du nicht mitbekommen? Aber das SMS Gate schon? Denkst du, das sollte so sein?

Denn seien wir doch mal ehrlich: solange unsere eigenen Mitglieder sich für unsere Politik nicht interessieren, warum sollten es dann die anderen?

Der Kern des Problems der Piraten sind nicht Personen. Der Kern des Problems der Piraten ist, das wir uns maßlos um uns selbst drehen und nicht um unsere Inhalte. Manchmal habe ich den Eindruck, das Blog “Popcornpiraten” ist für die Mitglieder wichtiger als die Homepage der Partei. Und ja, das ist ein Problem. Unser aller Problem.

Noch mehr Beispiele gefällig? Schon mal was von der SMV-Con gehört? Ja? Was wird dort besprochen? Wie die Piraten eine ständige Mitgliederversammlung über das Internet veranstalten können. Interessantes Thema für die Weiterentwicklung der Partei, keine Frage. Werden wir damit Wahlen gewinnen? Sicherlich nicht. Wir haben ein umfangreiches Grundsatzprogramm, an der Beschlusslage fehlt es derzeit nicht. Wir haben ein queeres Familienprogramm, das Visionär ist. Kommen wir damit auf queer.de vor? Nein. Wird eine SMV das ändern? Nein. Dennoch machen wir eine SMV-Con.

Ihr sagt jetzt: Aber es geht da um die Zukunft der Demokratie, versprechen wir auch, müssen wir liefern! Gebe ich euch vollkommen recht, aber wir haben Wahljahr und den Wähler interessiert es nicht sonderlich, wie wir unsere Beschlüsse gefasst haben. Er wird uns fragen: wie wollt ihr unser Land verändern?

Und genau das wäre im Wahlkampfjahr eine Konferenz wert: Ja zur Hölle, wie wollen wir denn die parlamentarische Demokratie, in der wir leben, verändern? Wie wollen wir das Parlament verändern? Da gäbe es erste Ansätze. SMV ist sicher wichtig, aber bis September ist Wahlkampf. So etwas wie die SMV-Con macht man genau im Jahr 1 nach einer Bundestagswahl. Nicht mittendrin. Aber das ist nicht relevant, es dreht sich nicht um uns selbst, nicht wahr? Beachtet mal die Beteiligung. Sie liegt ungefähr bei einem Drittel der Stimmen, die sich bei einer SMV Abstimmung beteiligen.

Sollte das nicht umgedreht sein? Sind wir nicht mal angetreten, um dieses Land zu verändern? Haben wir nicht einen großen gemeinsamen Wertekanon, für den es sich zu kämpfen lohnt? Wann haben wir eigentlich aufgehört dafür zu kämpfen? Warum sind die SMS, die unser Politischer Geschäftsführer empfängt, für uns wichtiger?

Diese Priorisierung des innerparteilichen Streits ist sogar schon so selbstverständlich geworden, dass Piraten es als Beleidigung empfinden, wenn man neben dem Piratigen Aschermittwoch nicht über die Streittweets zwischen einem Landesvorsitzenden und einem Bundesvorstand reden möchte, sondern vielleicht über die grandiosen Reden, die dort gehalten wurden.

Habe ich schon erwähnt, dass wir Wahlkampf haben? Seht ihr das Licht da hinten? Das ist der 22. September. Das sind die 5%. Um die zu erreichen, bedarf es unsererseits nicht viel und scheinbar doch mehr, als wir derzeit leisten: Aufhören mit dem um uns selbst drehen.

Zusammen ackern, an Themen. Inhalte über den Arbeitnehmerdatenschutz, über die Homoehe, über die Vorratsdatenspeicherung, über das Bundestagswahlgesetz, über Nebeneinkünfte von Abgeordneten schreiben, produzieren, online stellen, bewerben. Wir sollten bei (Lobby)Vereinigungen anrufen und ihnen Gespräche anbieten, wir sollten auf die Straße gehen und für unsere Überzeugungen kämpfen.

Die SMS-Inbox von Ponader enthält das alles nicht.

Inhalte zu besetzen, zu vermitteln, ist nicht nur der Job von unseren Vorständen, unseren Kandidaten. Das ist unser aller Job. Meiner und Deiner. Und wir sollten uns gegenseitig bewerben und dem anderen den Erfolg gönnen, mal eine Kröte schlucken, wenn uns etwas nicht ganz zu 100% gefällt und einfach weitermachen. Wenn wir alle anfangen uns auf Politik zu konzentrieren, werden wir Reichweite für diese gewinnen. Das Web, unsere Heimat bietet uns alles was wir dazu brauchen. In ihm liegt unsere Stärke.

Wenn du das nächste Mal statt dich über einen Vorstand aufzuregen einen Artikel über sterbende Bienen twitterst oder auf Facebook teilst, erreicht das vielleicht deinen Bekannten der Imker ist, und der sich dann mit uns, mit unseren Inhalten auseinandersetzt. Vielleicht die Autorin des Artikels kontaktiert, um ihr Kontakte zu vermitteln. Das wäre doch mal was, sinnvoller als unsere Streits allemal.

Wir sind unsere Öffentlichkeitsarbeit.

Siehst du den Strich im Licht am Ende des Tunnels? Das sind die Handvoll Piraten, die dort stehen und inhaltlich arbeiten, unsere Themen vermitteln, genau das tun, was wir alle tun müssen, damit es klappt mit den 5% am 22. September.

Ich werde jetzt wieder zu ihnen gehen. Mit ihnen rocken, handeln und ja auch Fehler machen. Aber ich riskiere es, konzentriere mich darauf dieses Land zu verändern. In unserem Sinne. Und du so?

Jan
29

Bei den Nebenverdiensten sollen die Abgeordneten erst mal liefern!

Diese Pressemitteilung ging heute von der Pressestelle der Bayerischen Piraten raus. Da ich noch keine Kandidatenseite haben, veröffentliche ich sie mal hier.

Die heutige Abstimmung zum Dringlichkeitsantrag der SPD zur Transparenzregelung der Einkünfte von Abgeordneten ist ein Musterbeispiel einer zart bauchpinselnden Politik der Bayerischen Landtagsopposition.

Stefan Körner, Landesvorsitzender der bayerischen Piraten, erinnerte bereits letztes Jahr die Parteien daran, mit gutem Beispiel voran zu gehen, wenn man denn schon etwas fordere. Seit Oktober passierte, bis auf einzelne Ausnahmen der jeweiligen Fraktionen, nichts.

Dazu hält Benjamin Stöcker, Landtagskandidat der Piraten im Stimmkreis Bamberg Stadt, fest:

Wir alle müssen ein Interesse haben an Transparenz, an klaren Regeln. Dass die Bürgerinnen und Bürger wissen, was die Abgeordneten an zusätzlichen Einkünften haben, an zusätzlichen Arbeiten haben, an zusätzlichen Aufgaben haben. Das muss in unserem eigenen Interesse sein. Wir möchten doch Vertrauen in die Demokratie. Und Vertrauen schafft man nur mit Transparenz!

So sagte das auch Margarete Bause am 17.10. im bayerischen Landtag.

Auf den Webseiten von Markus Rinderspacher und Margarete Bause sowie den Fraktionsseiten der SPD und der Grünen sucht man bis heute vergebens nach Angaben zu den Nebeneinkünften. Eine kurze Recherche ergibt, dass nur 5 von 39 Abgeordneten der SPD Angaben zu ihren Bezügen/Nebeneinkünften machen und bis auf eine Ausnahme erhebliche Mängel vorweisen. Bei den Grünen Landtagsabgeordneten findet man bei einigen wenigen die Mitgliedschaften in Vereinen, bei keinem finden sich Informationen zu den Nebeneinkünften.

Transparenz sieht anders aus. Mittlerweile veröffentlichen alle Piratenabgeordneten ihre Nebeneinkünfte und Vereinsmitgliedschaften, auch ohne gesetzlichen Zwang. Die bayerischen Piraten haben sich bereits selbst verpflichtet, es ihnen gleich zu tun, sobald sie im Landtag sitzen.

Jan
24

Verteidige den Kohlebergbau des 21 Jahrunderts!

Die Zeitungsbranche des 20 Jahrhundert.
Bild: Wolfgang StiefCC-BY

tl:dr Die Presseverlage machen mit steilen Thesen PR für das Leistungsschutzrecht, über die man nur den Kopf schütteln kann. Das LSR wird ihr Aussterben nicht verhindern, sondern nur verlängern, denn Roboter und Social Media machen sie überflüssig.

Gegen das geplante Leistungsschutzrecht für Presseverleger hat Google zu einer Aktion aufgerufen. Mit “Verteidige dein Netz” versucht der Konzern, seine Reichweite im Netz zu nutzen und Druck auf die Bundesregierung zu machen. Der Verband der Deutschen Zeitungsverleger fühlte sich vorgestern auf eine Antwort zu Googles Argumenten genötigt und fordert: “Verteidige deine Presse!“. Und was die PR-Abteilung dieses Dinosauriers da zusammengeschrieben hat, ist nur mit einer großen Menge bewusstseinsverändernder Substanzen zu ertragen.

Beispiele? Unter Punkt 1 “argumentiert” sie:

Bei der momentanen robots.txt können detaillierte Rechte-Informationen (wie Autor, Verlag oder Kosten gewerblicher Nutzung) jedoch nicht übermittelt werden, weshalb der gewerblichen Nutzung quasi keine Schranke in den Weg gestellt wird. Letztendlich geht es beim Leistungsschutzrecht ausschließlich um die gewerbliche Nutzung.

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Okt
01

Kurz notiert: Interviews mit allen Bundestagskandidaten

Eine Woche bin ich durch Bayern gefahren um alle Bewerber für die Liste zur Bundestagswahl zu Interviewen. 41 Interviews sind es geworden. Die Folgen sind ungefähr 10-15 Minuten lang und sollen es euch ermöglichen einen ersten Überblick über das Kandidatenfeld zu machen. Ich hoffe, die Interviews helfen euch, die ein oder andere Unbekannte Perle kennenzulernen. Die Interviews stehen im MP3 und OGG Format zur Verfügung und können per Web und als Torrent heruntergeladen werden.

Natürlich könnt ihr die Kandidaten anschließend auf der Piratenwatch Plattform intensiv zu befragen.

Sep
24

Fortschrittliche Quotenrealitäten?

Foto von Buttons mit der Aufschrift Boy (blau) und Girl (Pink)Unsere Erziehung prägt uns stark.
Bild: Ntr23CC-BY-NC-SA

Vorab: Dieser Artikel ergeht sich in Zweigeschlechtlichkeiten. Es wird der biologischen Realität, die keine zwei eindeutigen Geschlechter hat, nicht gerecht. Der Autor ist sich dessen voll bewusst, klammert aber aufgrund der Argumentationslage der “Gegenseite” das Phänomen Intersexualität aus, obwohl das nicht sein sollte. Im Allgemeinen geht der Autor aber davon aus, dass die Benachteiligung der Frauen und die Geschlechterquote sich mehr auf die Geschlechterrollen als auf das biologische Geschlecht bezieht, wodurch diese Vereinfachung zur Argumentation hier auch manchmal hinreichend erscheint. Sollte sich jemand durch diese Vereinfachung verletzt fühlen, so bitte ich das zu entschuldigen.

Frauen sind massiv benachteiligt. Und zwar strukturell und nicht nur wenn es um ihren Anteil in Führungspositionen in Politik und Wirtschaft geht. Diese Strukturen gilt es aufzuweichen, entgegenzuwirken und letztendlich abzuschaffen. Die Piraten haben den Kampf gegen die Geschlechterdiskriminierung fest in ihrem Grundsatzprogramm verankert:

Jeder Mensch muß sich frei für den selbstgewählten Lebensentwurf und die von ihm gewünschte Form gleichberechtigten Zusammenlebens entscheiden können. …. Fremdbestimmte Zuordnungen zu einem Geschlecht oder zu Geschlechterrollen lehnen die PIRATEN ab. Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der Geschlechterrolle, der sexuellen Identität oder Orientierung ist Unrecht. Gesellschaftsstrukturen, die sich aus Geschlechterrollenbildern ergeben, werden dem Individuum nicht gerecht und müssen überwunden werden.

Viel eindeutiger kann man seine Ziele nicht formulieren. Und trotz dieser Eindeutigkeit haben die Piraten bisher weder die Frauenquote in der Gesellschaft gefordert noch eine in der eigenen Partei eingeführt. Gerade Mitglieder der Grünen scheinen sich daran immer wieder zu reiben. Denn Quote ist fortschrittlich, so zumindest der Landesvorsitzende der Grünen. Aber ist sie das wirklich?

Ignorieren wir, dass eine FrauenGeschlechterquote das binäre Geschlechtermodell – das nun wirklich nicht fortschrittlich ist – fördert, kann man immer noch festhalten: Die Frauenquote ist eine Erfindung der Achtziger Jahre. Die Grünen müssten sie mittlerweile mindestens zwanzig Jahre innerparteilich ausüben. Ziel der Quote war es – man korrigiere mich, wenn ich falsch liege – ein innerparteiliches Klima zu schaffen, in dem Frauen nicht mehr benachteiligt sind. Dazu werden die Frauen gezielt gefördert.

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Sep
21

Kurz Notiert: Watchplattform der Bayerischen Piraten gestartet

Logo der Watchplattform

Gestern ist die offizielle Befragungsplattform der Piratenpartei Bayern gestartet. Das Ganze ist ein Projekt in Kooperation mit Abgeordnetenwatch und ist unter watch.piratenpartei-bayern.de zu finden.

Damit ist die Piratenpartei wohl die erste Partei, bei denen sich Kandidaten für drei Wahlen (Bundestag, Landtag und Bezirkstag) ereits vor der Aufstellung öffentlich auf einer zentralen Plattform befragen lassen.Nun geht es also darum diese Plattform möglichst bekannt zu machen. Wenn wir es schaffen, dass die Befragungsplattform nicht nur von Piraten, sondern auch von möglichst vielen Bürgern genutzt wird, wäre dies schon ein großer Schritt in den Wahlkampf.

Als Kandidat für den Landtag in Oberfranken kann man dort selbstverständlich auch mir Fragen stellen. Ich würde mich freuen wenn von dieser Möglichkeit rege Gebrauch gemacht wird!

Sep
19

Meine Rede zur Direktwahl der Executive

Der französischen EU-Abgeordneten Marielle Gallo bezeichnete sie als “milde Form des Terrorismus”

Theresa Schopper, Landesvorsitzende der Grüne nennt Sie “Einen Gaul, den man reiten kann”

Norbert Röttgen, Ex Umweltminister und CDU Spitzenkandidat in NRW findet sie “bedauerlich”.

Döring, Generalsekräter der FDP nannte sie “Tyrannei der Masse”.

Gorbatschow erkannte sie als logische Folge von Kritik.

Winston Churchill nannte sie die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen.

Und ein Pirat sagte zu mir vor kurzem “Sie ist manchmal anstrengend, sie ist manchmal zeitraubend – aber sie ist auch das fucking Beste was einem Mensch passieren kann”

Sie ist das Blut, dass durch die Venen dieser Partei fließt. Sie ist unser Antrieb, sie ist unsere Existenzberechtigung. Wegen unserer Liebe zu ihr sitzen wir hier, machen das mit der Partei und tun uns den ganzen damit verbundenen Rattenschwanz an verfluchter Kagge an, den so eine Partei eben so mit sich bringt.

Wegen unserer Sehnsucht nach ihr sind wir aktive Piraten, anstatt zuhaue zu sitzen und mit unseren Computern zu spielen.

Wir – wir sind nicht Papst, wir sind Demokratie.

Stieg Larsson sagte kurz vor seinem Tod: “Die Demokratie ist immer bedroht. Demokratie ist nichts Gottgegebenes und fällt nicht einfach vom Himmel. Dafür muss man arbeiten, die ganze Zeit. Jede Generation muss sich neu dafür entscheiden, die Demokratie zu verteidigen.”

Und ich möchte hinzufügen: Unsere Demokratie müssen wir nicht nur verteidigen sondern auch der Zeit anpassen. Und genau deswegen habe ich diesen Antrag gestellt. Er ist kurz und einfach gehalten, aber genau darin liegt sein Charme. Wir haben in unser Grundsatzprogramm aufgenommen, dass wir für eine stärkere Gewaltenteilung sind.

Eine Direktwahl der Exekutive würde es uns ermöglichen, die Verflechtung zwischen Parlament und Regierung auseinander zu brechen. Es würde dem Wähler die Möglichkeit geben, ein Parlament zu wählen, dass die Regierung wirklich prüft, weil es unabhängig ist.

Weil es eben nicht zur Staatsräson gehören würde, dass die Mehrheit im Parlament nicht die Regierung kritisiert, weil man sie ja selbst gewählt hat.

So eine Direktwahl ist in anderen Ländern schon lange üblich. Ich nenne hier die USA und Frankreich als Beispiel. Und auch in den Kommunen wählen wir mit einer absoluten Selbstverständlichkeit Stadtrat und Oberbürgermeister getrennt. Und wer schon mal in einem Stadtrat war, der weiß, dass dies genau zu dem führt was wir Piraten ständig fordern. Dort herrscht weniger Fraktionsdisziplin und es gibt eher selten starre Koalitionen.

Das freie Mandat des Abgeordneten wird erst dann möglich sein, wenn eine Regierung nicht auf die “eigene Mehrheit” per Verfassungszwang angewiesen ist und ein Abweichen von abgeordneten nicht automatisch eine Staatskrise auslöst.

Die Zeit ist reif, dass wir dem Bürger mehr demokratische Möglichkeiten geben. Die Zeit ist reif die Gewalten getrennt zu wählen. Die Zeit ist reif für diese Veränderung. Bayern ist reif für diese Veränderung. Ich bitte euch daher dem Antrag zuzustimmen.

Jun
22

Die verstümmelten Geschlechter – Intersexualität im Bundestag

Hermaphrodite - Zwittrige Gottheit bei den GriechenDie Griechen kannten schon Intersexualität
Bild: Mathas PetrikasCC-BY-NC

Vor ein paar Wochen habe ich einen Vortrag auf dem Frankenplenum über Interesexualität (Zwittertum) und die Situation in Deutschland gehalten. Kurz gesagt ist die Situation sehr betrübend. Intersexuelle werden im Kindesalter immer noch am Genital operiert, im Unklaren gehalten über ihren Zustand und zwanghaft in unser Bipolares Geschlechtermodell gezwungen.

Fakt ist: Bis zu 4% der geborenen Kinder sind nicht “eindeutig männlich oder weiblich”. Fakt ist ebenfalls, dass unsere Gesellschaft und unsere Gesetze das nicht vorsehen. Deswegen werden Klitoris reduziert und entfernt, Neovaginas angelegt und Menschen über ihr wahres Geschlecht und ihre wahre Identität angelogen um sie vor “Psychosozialen Traumata” zu schützen. Die Behandlung von Intersexuellen Kindern in Deutschland ist menschenunwürdig und teilweise mit der Verstümmlung von Frauen in Afrika zu vergleichen. Es ist daher gut, dass im Deutschen Bundestag am Montag im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ein Antrag zur Intersexualität beraten wird.

So soll es Intersexuellen endlich ermöglicht werden ein drittes Geschlecht einzutragen um sich eben nicht mehr einem der beiden Geschlechter zuordnen zu müssen, auch wenn sie das vielleicht gar nicht wollen. Sie sollen bei statistischen Erhebungen endlich mit erfasst werden. Das wäre ein Schritt zum Ende des Ausschweigen ihrer Existenz.
Ebenfalls soll endlich das “prophylaktische Entfernen und Verändern von Genitalorganen” – man könnte sagen, der Verstümmeln ihrer Geschlechtsorgane – unterbunden werden. Den Betroffenen und ihrer Umgebung soll mit Beratungsangeboten geholfen werden. Intersexualität soll Teil des Schulunterrichts werden und das Aufheben von Dokumentation der Operationen im Genitalbereich auf 30 Jahre verlängert werden.

Diese Forderungen, die auch ich am Frankenplenum vorgestellt habe, sind dringend nötig aber dennoch nur ein erster Schritt. Selbst Mediziner, die vom Ausschuss als Sachverständige befragt wurden, fordern weitergehende Maßnahmen – zum Beispiel das Verlegen der Geschlechtszuordnung auf die Volljährigkeit.

Die Einführung eines dritten Geschlecht hätte weitreichende rechtliche Folgen für viele Gesetze, vor allem dem Eherecht, zeigt ein weiterer Sachverständiger auf.

Die strukturelle Diskriminierung von Intersexuellen ist in unserer Gesellschaft weit stärker verankert als es dieser erste Vorstoß zu ändern vermag, aber es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Jegliche Benachteiligungen zu beseitigen, bedarf es ein allgemeines gesellschaftliches Umdenken über Geschlechter und Geschlechterrollenbilder – und das wird uns viel viel Zeit und Energie kosten. Man möge nur mal Artikel 3 unseres Grundgesetzes wörtlich lesen.

Das Ganze aufzurollen würde in einem sehr langen Text münden – weswegen ich dazu nochmal gesondert bloggen werde.

Jun
15

Nachrichtenverbreitungsverhinderungsgesetz aka Leistungsschutzrecht für Presseverleger

Foto eines Origami Dinosauerier

Werden Presseverlage Aussterben?
Quelle: epsos.deCC-BY

Das Leistungsschutzrecht Presseverleger ist derzeit in aller Munde. Doch um was geht es da eigentlich? Ich möchte hier keine juristische Bewertung vornehmen. Das haben Udo Vetter, Thomas Stadler und Til Kreutzer schon ausführlich und wunderbar gemacht. Ich möchte etwas die Geschichte und vor allem die gesellschaftlichen Implikationen und Gründe für den aktuellen Entwurf beleuchten. Mir schien das die letzten Tage etwas zu kurz gekommen zu sein.

Woher kommt das Leistungsschutzrecht für Presseverleger? Nun das Leistungsschutzrecht für Presseverleger wurde von eben diesen – allen voran Springer – in die Politik gedrückt. Ihr erstes Ziel war eigentlich eine Lex Google. Ihnen stoß es auf, das Leute auf news.google.de gehen, um dort zu sehen was in der Welt passiert. Dieser Dienst von Google sammelt Nachrichten ein, bewertet sie, analysiert den Inhalt und entscheidend so welche Nachrichten gerade “Hot” sind und stellt so automatisiert eine schöne Nachrichtenstartseite zusammen. Dabei bietet es die Nachrichten als solches gar nicht an, sondern bindet nur die bereitgestellten Bilder in klein und sogenannte Snippets ( 140 – 280 Zeichen Text) ein. Das soll so einen kurzen Überblick darüber geben, was sich auf der Zielseite befindet. Klickt der User auf die Nachricht, landet er auf der Ursprungsseite wie etwa taz.de.

Google News macht damit natürlich der Startseite der großen Nachrichtenportale wie etwa sueddeutsche.de und spon.de Konkurrenz. Das Ganze auch noch voll automatisiert und mit nur geringem menschlichen Einsatz, das bedeutet dann auch nahezu kostenfrei. Durch die Metaanalyse mehrerer Seiten kann Google dabei die wirklich wichtigen Themen Problemlos herausfinden. Bei den Verlagen wird dieser Job von Menschen übernommen. Diese Entscheiden welche Nachricht wichtig ist und welche nicht. Sie lesen Ticker wie den der DPA, schauen was andere Verlage für Texte veröffentlichten um zu sehen was man vielleicht verpasst hat. Menschliche Arbeitskraft gegen Maschinen. Dieses Spannungsfeld dürfte bekannt sein und wir wissen ja, wer da auf lange Sicht wirtschaftlicher sein wird. Dabei könnte man aber auch festhalten: Ohne die ganze menschliche Arbeitskraft würde das Geschäftsmodell von Google nicht funktionieren. Wäre es daher nicht fair, das Google etwas abgibt an die, die etwas geleistet haben?

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