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Mrz
05

Nachlese mit Senf: Von #Piratinnen

Bild von einer Piratin Piratin von Coro 1404 (unter CC-BY-NC)

Es ist mal wieder Zeit für eine Nachlese und zwar über ein Thema, das in der Piratenpartei zu köcheln scheint, zumindest auf den ersten Blick.

Die Piratinnen sind los und als „Interessengemeinschaft“ gegründet worden, auf der Mitgliederversammlung in Berlin. Die Gründerin Lena hat dazu sogar eine Pressemitteilung herausgegeben. Über die Geschichte wurde mehrfach von SPON und der TAZ berichtet.

Zu meiner Recherche dieser Nachlese verwende ich, wie bei der Nachlese über Aaron, den Piratenmond und die Google Blogsearch.

Was mir da aufgefallen ist, ist, dass das Thema so heiß in der Partei nicht ist, aber außerhalb der Partei scheint großes Interesse zu bestehen. Ich habe mich allerdings bei der Nachlese auf Piraten (und das hier das innen fehlt ist reine Absicht!) und ihre Blogs beschränkt.

Der erste Eintrag im Piratenmond, den ich finden konnte stammt von Anika, die sich bereits früher zur Gleichberechtigung der Geschlechter meldete, und sie hält fest unter der Überschrift „Ich bin Pirat!“ fest:

Ich muss hier mal kurz einschieben, dass ich die Piratenpartei gar nicht so männerdominiert finde. Wer sich Zeit nimmt und mal die Mitglieder der einzelnen Landesvorstände ansieht oder Listen zu Wahlen, wird feststellen, dass es eine Menge Frauen gibt, die dort mitmischen. Weiter unten im Text heißt es: ….möchten die Piratinnen ein sicherer Ort zum Austausch der Frauen in der Piratenpartei sein. Auf meine Nachfrage an diverse Piraten wurde mir gesagt, dass es eine geschlossene Mailingliste der Piratinnen nur für Frauen gibt. Ich finde dies im höchsten Maße unpiratisch, weil nicht transparent und es bestimmt eine Menge Männer gibt, die sich auch zu diesen Thema äussern möchten.

Sie erklärt, dass sie es sicherlich so sieht, dass wir Piraten uns über Gleichberechtigungspolitik Gedanken machen müssen, stellt aber diese Art und Weise in Frage.

Auch ein Bundesvorstand hat sich eingemischt. Andreas Popp äußerte sich in seinem Blog unter dem Titel „Alle Jahre wieder, kommt der Genderstreit“ und er tut dies lang und äußerst differenziert:

Diskriminierung ist sicher kein einfaches Problem, auch heute nicht. Wenn Menschen aufgrund bestimmter Eigenschaften, das Geschlecht ist nur eine davon, benachteiligt werden, dann ist das nichts was man auf die leichte Schulter nehmen sollte. Ich sehe es aber als das völlig falsche Mittel an Diskriminierung mit Diskriminierung zu bekämpfen. Und Quoten oder Sonderregelungen für eine bestimmte Personengruppe, auch wenn sie positiv gemeint sind, sind ebenfalls Diskriminierung. Denn sobald das Geschlecht einer Person eine Rolle spielt, ist ein Sachverhalt diskriminierend. Das muss übrigens nicht immer schlecht sein, manchmal ist Diskriminierung durchaus gewünscht, bei Toiletten zum Beispiel. Aber in der Politik ist sie fehl am Platz.

Und er gesteht Lena das Recht ein, das zu tun, was sie tut, auch wenn er es persönlich nicht gut finden mag:

un vorweg will ich klipp und klar sagen, es ist ihr gutes Recht. Sie darf spielen mit wem sie will und keiner von euch hat das Recht es ihr zu verbieten oder sie dafür anzugreifen. Ich suche mir die Leute mit denen ich an bestimmten Projekten arbeite auch lieber selber aus, auch in der Piratenpartei. Man kann halt mit dem einen besser mit dem andern weniger gut und niemand muss sich von irgendwem bedrängen lassen. Wenn Lena also der Meinung ist, sie will sich nur mit Piratinnen austauschen, ohne dass wir Kerle da mitreden ist das vollkommen in Ordnung. Wenn ich mir eine rein männliche Piratengruppe aufbauen will um dort schweinische Witze abzulassen, werde ich mir das sicher auch von niemandem verbieten lassen.

Silke hingegen findet deutliche Worte und fühlt sich von Lena angegriffen, sie fragt sich, was Lenas Problem ist.

Lena, wenn ich diskriminiert werde, dann von dir, die du dir anmaßt, mich zu verstehen und für mich zu sprechen. Du verstehst nichts, rein gar nichts. Verschließt du die Augen davor, dass das Geschlecht in der Piratenpartei keine Rolle spielt? Willst du es nicht glauben? Oder schlimmer, reicht dir Gleichbehandlung nicht, möchtest du besser behandelt werden? Deine Bestrebungen, die Frauen als Gruppe aus der Piratenpartei auszugrenzen, deuten das an. Diese Ausgrenzung ist ein massiver Rückschritt und der völlig falsche Weg.

Auch Wolfgang bleibt seiner direkten Art treu und schreibt über Lena und ihre Häkelgruppe

Natürlich durfte eine Pressemitteilung nicht fehlen, um die Piratinnen als eine lose Organisation in der Piratenpartei anzukündigen. Ein gleiches Geltungsbedürfnis kenne ich eigentlich nur von Aaron, der durch das Posten von absolut sinnbefreiten Blogeinträgen immer wieder auf sich aufmerksam macht. Spielen die beiden nicht gemeinsam in einer Band?

Und er zweifelt daran, dass das Ganze zur Piratenpartei passt:

Das gesamte Verhalten ist absolut unpiratig – geschlossene Mailinglisten, bei denen nach veralteten Grundsätzen der Diskriminierung nach dem Geschlecht unterschieden wird, wer mitreden darf und nicht. Warum das ganze? Politische Arbeit ist dort nicht zu erwarten. Egal was dort auch immer ausgearbeitet wird – es muss schon im Ansatz abgelehnt werden, da man dem Grundsatz der Basisdemokratie nicht Folge leisten will, dass JEDER an politischen Konzepten mitarbeiten soll und darf.

Die Piratenfrau wurde scheinbar in der geschlossenen Mailingliste der Piratinnen nicht aufgenommen, und meint, sie sei selten so beleidigt worden:

Die Dame warf mir mehrere Ungeheuerlichkeiten vor, die aus dem, was ich schrieb, nicht zu entnehmen waren, für alle Mitglieder lesbar, und wies mich an, ihr privat zu antworten oder im Forum, da sie die Liste nicht weiter vergiften lassen will. Abgesehen davon, dass ihr eigenes Gift in Form einer veritablen Verleumdnung anscheinend nicht so das Problem zu sein scheint. Nun ist meine Antwort auf die Mail nicht erschienen, da ich (oder alle, so genau konnte man das nicht erkennen) auf moderiert gesetzt bin, das heißt, man nimmt mir sogar die Möglichkeit, mich zu verteidigen. So nicht, meine Damen. Wenn das die Vorstellung von Schutzraum sein soll …

Der Orkpirat fragt sich, ob das Ganze Feminismus ist, oder Aufmerksamkeitswahn sei.

Wenn Mai­ling­lis­ten per Pres­se­mit­tei­lung ange­kün­digt wer­den, und dann auch noch die Presse über sel­bige berich­tet, erwarte ich eigent­lich, dass dort die Sache mit dem Welt­frie­den geklärt wird, min­des­tens aber Lol­cats! (Mal ehr­lich: Mai­ling­lis­ten per Pres­se­mit­tei­lung ankün­di­gen?! Das ist… ach, las­sen wird das.)

Und er hält die Diskussion und die Art und Weise nicht sonderlich zielführend:

Den­noch, unterm Strich kann ich das ganze Thea­ter über­haupt nicht ernst neh­men. Zumin­dest in den Foren­tei­len die ich über­flo­gen habe rei­chen Femin– wie Mas­ku­lis­ten der jeweils ande­ren Seite mun­ter das Troll­fut­ter und schwin­gen die Keu­len. Das schaut, mit Ver­laub, aus wie auf dem Schul­hof kurz vor der Puber­tät.

Die Ennomane schrieb auch über „Die Sache mit dem Genderdings“ und hält fest, dass sie durchaus der Meinung ist, dass wir Piraten in der Genderproblematik Antworten finden sollten:

Mit Alltagserfahrung und “gesundem Menschenverstand” kann man das ganze jedenfalls nicht angehen. Das hat schon bei von der Leyens Stopschildern nicht geklappt. Eine Genderdebatte bei der Piratenpartei ist also dringend nötig. Selbst wenn das zu jahrelanger Selbstzerfleischung führt und wir den Grünen dabei wieder was nachmachen, ist es nötig, gerade um ggf. zu neuen Standpunkten und zu einer schlüssigen Politik zu finden. Deshalb begrüße ich den Versuch von Piratinnen, sich zu Zirkeln zusammenzuschließen und freue mich sehr auf die Impulse, die aus dieser Richtung kommen werden!

Aber auch sie ist von der Art und Weise der Initiatorinnen irritiert:

Auch deshalb habe ich zunächst meinen Namen als Ablehner unter diesen offen Brief gesetzt. Letzteres bereue ich aber, seit ich von den Erfahrungen gelesen habe, die Piratenfrau Jinx mit der Moderatorin der Piratinnenmailingliste machen musste. Liebe Damen, das ist hysterisch. Oder wollt ihr wirklich ins Rollenbild des 19. Jahrhunderts zurückfallen? Die unerfreuliche Affaire um eine Mailingliste und zwei nicht authorisierte Pressemitteilungen hat einmal mehr zu einem tendenziösen taz-Artikel geführt, der wichtige Aspekte der Debatte unter den Tisch fallen lässt und die Piraten als reine Chauvi-Partei darstellt. Naja, Hauptsache, die Namen sind richtig geschrieben.

Mela macht in ihrem Blog dann auf einen offenen Brief an die Piratinnen aufmerksam. „Vielfalt statt Grabenkämpfe“ wird gefordert.

In den Vorständen der Piraten, seien es Landes-, Bezirks- oder Kreisvorstände, ist der Frauenanteil überdurchschnittlich hoch – gemessen am geschätzten Anteil der weiblichen Piraten der Basis. Der Vorwurf die Partei sei von Männern an der Basis dominiert ist schwer zu veri- oder falsifizieren, da auf den Beitrittsformularen nicht nach dem Geschlecht gefragt wird. Vielmehr scheinen alte Klischees den Eindruck zu schaffen, dass eine junge, technologiefreundliche Partei von Männern dominiert sein MUSS. Doch stellen wir uns die kokette Frage: Ist die „Nerd“-Partei nicht vielmehr von wenigen, aber engagierten und eben nicht schüchternen Frauen dominiert? Denn wird uns nicht ständig vorgeworfen, dass wir sozial unfähige „Kellerkinder“ als Mitglieder hätten? Wie sollen die denn die Frauen unterdrücken?

Einen Unterstützer hat Lena in Burk gefunden. Er hält die Gender Debatte für das Beste, was den Piraten passieren konnte:

Man kann das auch “Piraten vs. Feminismus” nennen. Wie bei allen Themen, die lange Zeit mit dem Argument verdrängt wurden, sie gäbe es gar nicht, kommt es jetzt gleich um so heftiger. Frauen wie Lena Simon erleben jetzt das, was in anderen Parteien unter anderen Vorzeichen (ja, sogar in der CSU!) schon längst gelaufen ist, um die Diskussion möglichst schnell abzuwürgen. Die Männer schieben formale Gründe vor. (Lena habe bei ihrer Pressemeldung nicht den piratischen “Dienstweg” eingehalten…) Oder die Männer schreiben den Frauen vor, was sie zu tun und zu lassen haben: “So sagte Parteichef Jens Seipenbusch auf dem Bundesparteitag in Hamburg, er finde es merkwürdig, ‘dass Frauen sich nicht für Bürgerrechte interessieren’. Ein interessanter Satz, impliziert er doch, dass es ein Problem der Frauen ist, wenn bei den Piraten davon nicht genug mitmachen und keines der Piraten.

Atari Frosch reagiert befremdet auf die ganze Sache und hält fest, dass sie für sich selber sprechen kann:

In der Politik sind Leute, die sich nicht trauen, ihre Meinung einzubringen, generell im Nachteil. Ich bezweifle aber stark, daß es sich dabei ausschließlich oder auch nur überwiegend um Frauen handelt; dazu habe ich in meinem Leben zu viele schüchterne Männer kennengelernt. Außerdem will ich gar nicht geschützt werden! Ich bin doch kein Kind mehr, ich bin selber groß. Ich muß mich nicht in einer Gruppe verstecken, die dann (vielleicht) meine Meinung nach außen trägt und verteidigt. Ich brauche keine „starke Frau”, die für mich spricht.

Shermin hat über den LMV-Berlin gebloggt und erwähnt darin auch die Gründung der Piratinnen und zeigt sich sehr verwundert über das Verhalten von Lena:

Pünktlich zur LMVB – und natürlich dadurch auch sehr pressewirksam – hat Lena Simon nun die Piratinnen, eine Gruppierung innerhalb deer Piratenpartei, mit einer eigenen Wikiseite und einer Mailingliste, ins Leben gerufen, um einen Schutzraum für in den Hintergrund gedrängt Frauen in der Partei zu schaffen. Und als Zugabe hat sie gleich noch unauthorisiert und eigenmächtig eine Pressemitteilung dazu raus gegeben, die einen gewissen Schatten auf das vergangene Wochenende warf.

Und teilt uns dann aus erster Hand mit, dass Lena nicht sonderlich auf Teamwork eingestellt war an diesem Tag:

Ich empfand es auch mehr als nur ein bisschen strange, dass die Initiatorin zwar auf der LMVB auftauchte, da scheinbar hübsch in die Kameras lächelte und wohl Interviews gab, aber Gespräche mit anderen Piraten und explizit auch mit verwirrten Piratinnen, für die sie ja medienwirksam streitet, offen ablehnte. Das am Wochenende auf der Mailingliste auch schon das Misstrauen so hoch kochte, dass man eine Liste in der Liste gründen wollte, wo nur echte, durch Frauen zertifizierte Frauen, reinkämen – quasi ein geheimer Super-Geheimclub – ist nicht mehr nur obskur, sondern einfach nur noch gaga zu nennen.

Mein Senf dazu

So, damit soll die Nachlese dann auch beendet sein und heute gebe ich mal meinen Senf dazu. Liebe Piraten beruhigt euch ein wenig! Wenn ich eine kleine Gruppe in der Partei bilden möchte, dann kann ich das. Wenn ich den Zugang zu dieser Gruppe begrenzen möchte, dann kann ich auch dies, notfalls mache ich das eben neben der Partei her.

Wenn diese Gruppe sich aber als etwas offizielles darstellt, wird es problematischer. Wenn sie einen Anspruch erhebt, für alle zu reden, wird es noch problematischer. Wir haben ja bereits eine AG Frauen, in der jeder über die Gleichberechtigungsprobleme der Frauen im Allgemeinen diskutieren kann. Dort kann man sicher auch über innerparteiliche Gleichberechtigung diskutieren. Aber ich bin mir sicher, dass die AG, die sich mit dieser Problematik konstruktiv beschäftigt durch diese Diskussion keinen Zulauf bekommt.

Nachdem sich nämlich alle jetzt schön einmal aufgeregt haben, werden leider wenige ihre Meinung in etwas Produktives münzen lassen. Ein Gleichberechtigungsstatut wäre z.B. etwas, oder Anträge an unser Wahlprogramm. Warum sollten wir Piraten nicht was zur Gleichberechtigung sagen, schließlich ist die Gleichberechtigung aller eines unserer grundlegenden Ziele und Werte.

Und was ich jetzt zu der Aktion der Piratinnen sage? Wenn gewisse Frauen selber diskriminieren wollen, dann kann ich sie wohl schwerlich daran hindern. Es sind nicht nur Frauen, die Schutzräume brauchen, das brauchen mehrere. Aber gut, jeder kann sich seine Umgebung selbst auswählen.

Wenn die Frauen sich allerdings aus dem Schatten des „Piratinnen Schutzraumes“ herausbewegen und mitreden wollen, dann würde ich mich freuen, sage willkommen und halte fest, dass eure Meinung angehört wird, nicht trotz und auch nicht weil ihr Frauen seid. Nein ich werde eure Meinung anhören, genauso wie die der Männer, der Zwitter, der Transexuellen, der Juden, der Christen, der Moslems,…, der Schwarzen, der Weißen und wie wir Menschen uns noch so gerne kategorisieren. Denn am Ende, liebe Piratinnen, seid ihr genauso wie alle genannten: Gleichberechtigte Menschen, ach was schreib ich gleichberechtigte Piraten mit einer gleichberechtigten Stimme.

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6 Pings

  1. Juergen Komesker sagt:

    Hetfig ausführliche Analyse – Hut ab!

    „Es sind nicht nur Frauen, die Schutzräume brauchen, das brauchen mehrere. Aber gut, jeder kann sich seine Umgebung selbst auswählen.“

    Volltreffer – hoffentlich kommt es auch bei den Leuten an!!

  2. hyde sagt:

    eigentlich sollte das selbstverständlich sein, aber gut formuliert. 😉

  3. spucky sagt:

    Ich glaube dein „Senf“ trifft so ziemlich den Grund-Tenor der allermeisten Piraten. Die, die am Lautesten schreien, werden leider immer am stärksten wahrgenommen, befinden sich dabei jedoch häufig in der Minderheit (wie auch in diesem Fall).
    Bei alldem habe ich zumindest nicht das Gefühl, das Menschen, die sich so stark nach außen hin präsentieren und so selbstbewusst auftreten können überhaupt diskriminieren lassen …

  4. Alleinunterhalter sagt:

    Echt toller Artikel. Finde auch dein so genannter Senf tifft den Punkt.

  5. Wolfgang Preiss sagt:

    Eine hervorragende Einschätzung von deiner Seite, auch wenn ich vermisse, dass die Bezeichnung „Piratinnen“ irreführend ist, da sie eben nicht alle Piraten weiblichen Geschlechts umfasst, sondern nur die kleine laute Gruppe um Lena und Piratenweib. Ansonsten prima recherchiert, viel gelesen – wo nimmst du die Zeit für soetwas her? 🙂

  6. Rabiator sagt:

    Das ist einfach lächerlich |-| wir brauchen keine turbo-frauen, die sich für was besseres halten!

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