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Sep
24

Living „post privacy“ – Gedanken zum digitalen Selbstbild

Vorsicht – ich bin hier privat

(von TheAlieness unter CC-BY-SA)

Als ich mich vor über einem Jahr entschieden habe, der Piratenpartei beizutreten um mich dort aktiv zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen, war mir klar, dass ich ab sofort für die Privatsphäre anderer kämpfen werde. Wer in der Politik oder einer größeren Gruppe vorne mitspielen will, der muss sich zeigen – sichtbar sein. Ich habe diese Entscheidung damals bewusst getroffen und ich bereue sie bis heute nicht. Viel ist passiert in meinem Leben seit dem ich diesen Schritt aus dem Schatten in das Licht wagte, aber ein Ereignis in der letzten Zeit hat mich zum Nachdenken über eine Frage gebracht:

Wie sehr beeinflusst unsere digitale Identität unser Leben?

Wie ich darauf komme? Nun, vor ein paar Wochen hatte ich mein zweites Date mit Linda (Name geändert). Das erste Date war ziemlich gut gelaufen. Es hatte geknistert, wir haben uns sehr lange und gut unterhalten, das alles hebte die Erwartungen für dieses zweite Date. Wir waren also zusammen unterwegs, eine Radtour nach Hassfurt und zurück. In einer Pause mitten zwischen Ebelsbach und Stettfeld haben wir uns dann länger unterhalten. Irgendwie war die Stimmung aber nicht so harmonisch wie beim letzten Mal. Ich fühlte, dass etwas nicht stimmte. Dann ereignete sich ungefähr folgender Dialog:

Linda: Seit wann bist du wieder Single?

Ben: Seit etwa 3 Monaten.

Linda: Wie lange wart ihr zusammen?

Ben: Etwas mehr als 5 Jahre – Sagmal, warum eigentlich wieder?

Linda:Hmm?

Ben: Du hattest mich gefragt seit wann ich wieder Single bin – warum wieder? Das bedingt ja die Annahme dass es mal anders war…

Linda: Na du bist jetzt nicht der jüngste, ist doch klar das du mal eine Freundin hattest.

Ben: Nein, so kannst du das nicht gemeint haben, wieder deutet einen kurzen Zeitraum an – hast du etwa mit Hans (gemeinsamer Bekannter) geredet?

Linda: Nein… ich hab nach dir gegoogelt.

Ben: Aha – eigentlich versuche Ich mein Privatleben nicht zu breit zu treten, wo stand das mit der Freundin?

Linda: Es stand in deiner Bewerbung für den Bundesvorstand der Piraten – Deine Bewerbung und dein Rücktritt sind die ersten Treffer auf Google.

Anhand des Tonfalls konnte ich erkennen, dass genau mein Engagement in der Politik der Grund war für die plötzliche gefühlte Distanz. Ihr Verhalten war für mich zu unbekannt, um es 100% einordnen zu können, aber es schien als wäre sie eingeschüchtert gewesen von der Tatsache, dass ich im Bundesvorstand war . So ganz konnte ich das sowieso nicht nachvollziehen, schien sie mir geistig mindestens ebenbürtig (Liebe Damen, das ist der männliche Code für weit überlegen).

Das Ganze warf bei mir allerdings Fragen auf: Wie oft wird nach einem gegoogelt? Wie oft wird über einen in sozialen Netzwerken recherchiert, ohne dass man davon erfährt? Und noch viel wichtiger, wie stark beeinflusst das Bild das man Online von sich prägt – und zumindest den ersten Eindruck kann man gut beeinflussen – das Bild, welches andere von einem haben?

Nein, ich möchte mich nicht beschweren, dass es schief gelaufen ist. Fast alle Informationen die ich über mich ins Netz stelle sind bewusst genau in dieser Form online gestellt. Wenn meine „politische Vergangenheit“ oder mein Engagement für meine Überzeugungen für Leute die mich kennenlernen ein Problem darstellt, dann ist das so. Das ganze ist Teil meiner Persönlichkeit und meines Lebens – Erfahren würden sie es früher oder später auch ohne Google.

Nur ist die Frage wie oft andere Online ein Bild von uns machen – so ganze ohne das wir es mitbekommen – nicht unberechtigt, oder? Während man durch googlen das „Öffentliche“ über den Gesuchten erfährt, erzählt der Suchende in der Regel einem nicht offen, dass er nach einem gegoogelt hat. Laut den Logfiles meines Webspaces besuchen mehr als 30 Personen meine Webseite jeden Monat, nachdem sie meinen Namen in Google eingegeben haben. Ich stelle mir mittlerweile schon die Frage, ob da wohl Leute dabei sind, die mich „offline“ kennen gelernt haben? Vielleicht sind es weit mehr als man sich vorstellen möchte. Hand aufs Herz, wer von euch ist schon mal auf jemanden anderen zugegangen: „Hey, ich hab dich gestern gegoogelt, da findet man ja interessantes!“

Und wenn wir ehrlich sind: Jeder von uns googelt nach anderen! Mir kann keiner weiß machen, er hätte tatsächlich noch nie andere im Netz gesucht um mehr über sie zu erfahren? Wenn wir es schon alle tun, wäre es dann nicht zumindest fair für „Waffengleichheit“ zu sorgen und offen darüber zu reden? Warum verstecken wir, dass wir unseren Informationsdurst über Fremde im Internet stillen? Gehört das nicht zum „digital lifestyle“ – sozusagen zum heutigen täglichen Leben – dazu?

Sicherlich, aber offenkundig wollen wir nicht darüber reden, was für mich zu einer Folgefrage führt: Wie sehr lassen wir uns von dem Eindruck, den wir über andere Personen online gewinnen beeinflussen? Die Frage ist weit wichtiger als sie im ersten Moment erscheint, beeinflusst unser Bild von anderen – mindestens unbewusst – unser Verhalten ihnen gegenüber.

Das geht sogar soweit, dass diese Verhaltensänderung zu einer „Self fulfilling prohecy“ werden kann. Menschen passen ihr Verhalten nämlich – mindestens unterbewusst – auch der ihnen durch andere zugewiesenen Rolle an. Dies passiert um so eher, wenn diese zugewiesene Rolle nicht fremd ist sondern bekannt aus anderen Lebensbereichen oder Lebensabschnitten.

Als Beispiel kann ich hier sicherlich die Dates mit Linda anführen. Natürlich bin ich seit meinen letzten Dates – immerhin mehr als 5 Jahre her – reifer und selbstbewusster geworden, aber mir ist aufgefallen, das ich beim zweiten Date mit Linda die Situation weitaus besser unter „Kontrolle“ hatte als beim ersten. Ich persönlich denke, dass ihr googlen zumindest daran einen wesentlichen Anteil hatte. Denn mein letztes Lebensjahr – beziehungsweise was davon im Netz zu finden ist – beeindruckt andere und sorgt für einen gewissen Respekt – warum auch immer. Aber genau dieser Respekt den ich von anderen erfahre, gibt einem natürlich Selbstvertrauen – dessen bin ich mir bewusst.

Aber wenn unser „Digitales Selbstbild“ in die Bewertung anderer über uns einfließt, wie weit wirkt sich eine gezielte Änderung aus? Kann man sein Leben langfristig dadurch positiv beeinflussen, dass man sich eine offensichtliche Maske im Internet gibt, die einem in einem anderen Licht erstrahlen lässt? Gibt es Menschen, die dass vielleicht bereits so machen? Sollten wir uns nicht bewusst machen, dass wir beim Recherchieren aufpassen müssen nicht genau so einer Maske anheim zu fallen? Und da so viel bei zwischenmenschlichen Beziehungen im Unterbewussten abläuft, wie können wir uns überhaupt schützen außer gar nicht erst im Netz zu suchen?

Um all diese Fragen zu beantworten, müssen wir uns die Frage stellen, wie so ein forciertes Selbstbild gestaltet sein muss um das gewünschte Ziel zu erreichen. Eine einfach angelegte Selbstbeschreibung – ein Profil, Lebenslauf, etc – ist ungenügend. Wenn jemand diese Selbstbeschreibung findet, würde er sie kritisch betrachten und hinterfragen. Kritisch aufgenommene Informationen beeinflussen aber nur gering.

Nein, der Suchende muss das Gefühl haben den Gesuchten „erwischt“ zu haben. Das gibt ihm ein gewisses Gefühl der Macht und wenn Menschen sich in der Machtposition wägen schalten sie gerne ihre Fähigkeit zum kritischen Denken aus. Das ist ernsthaft so: Unser Unterbewusstsein wähnt sich darin die Kontrolle zu haben im Falle eines Zufallsfundes. Wer die Kontrolle aber schon hat, hat auch alles unter Kontrolle und muss gar nicht erst kritisch prüfen.

Wer also die bestmöglichen Chancen haben will, dass einer Information, die er selbst im Netz über sich streut, geglaubt wird, wer eine effektive Kontrolle über sein digitales Selbstbild haben möchte, der muss dem Suchenden das Gefühl geben die Information sei gar nicht für ihn bestimmt – er muss sie schlicht so aussehen lassen, als sei sie für einen anderen Personenkreis bestimmt.

In dem obigen Beispiel hätte die Sache mit der Piratenpartei sicherlich nicht so stark gewirkt, wenn ich sie offen als Werbung für mich verwendet hätte, zum Beispiel in einem Profil in einer Singlebörse oder im meinVZ. Kritisches Denken hätte die Informationen sofort relativiert, denn so besonders ist das alles nun auch wieder nicht.

Und wie kann man sich jetzt davor schützen, gezielt von anderen mit einem gut gesetzten digitalen Selbstbild manipuliert zu werden? Nun uns bleibt nur eins: Kritisch sein, jeder Zeit! Gefundene Informationen immer relativieren – Man kann nie wissen, wie bewusst diese Information gestreut worden ist, damit man sie findet. Eine Alternative ist natürlich auch, gar nicht erst zu Suchen und das Bild von anderen sich im Gespräch Bilden zu lassen. Denn sind wir mal ehrlich: In der Zeit, in der wir nach Informationen über den anderen suchen, könnten wir uns auch einfach mit ihm unterhalten.

Das wäre dann sogar fair und wir würden auf Augenhöhe unsere soziokulturellen Spielchen spielen. Sicherlich, dafür muss man sich dafür überwinden – interessanterweise eben weil man einen Teil seines Inneren, sozusagen seiner Privatsphäre, dafür offenlegen muss. Nichts ist uns näher und nichts schämen wir uns mehr als unserer Gelüste!  Und wenn die Lust nur der Durst nach Informationen über Andere ist.

Wen man das Ganze philosophisch betrachtet, könnte man fast sagen, dass das offene Miteinander im echten Leben eben genau zu einem führen würde: Living „post privacy“.

———-

PS: Ich bin mir der Ironie durchaus bewusst, gerade mit diesem Text den Blog zu starten, in dem ich mir Gedanken über mein tägliches Leben – sozusagen mein Privatleben – mache. Ob dahinter jetzt Taktik oder einfach nur Zufall steckt überlasse ich mal… meiner Privatsphäre 😉

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6 Kommentare

  1. crackpille sagt:

    Hallo Namensvetter,

    schöner Post. Grundsätzlich googele auch ich jeden, aber erst, nachdem ich den Menschen persönlich etwas kennengelernt hat. Denn es hilft einem, Anomalien zu erkennen aber lässt einem die Unbefangenheit des ersten Kontaktes.

    Finde ich etwas interessantes spreche ich den Menschen auch meist darauf an.

    Eine Ausnahme mache ich da nur, wenn es beim ersten Kontakt auf irgendwas ankommt, was nicht auf der persönlichen Ebene liegt. Also bspw. eine Prüfung wo ich schaue, was sind so die Steckenpferde des Prüfers, wo steht er politisch, um mich an diesen Punkten entsprechend intensiver vorzubereiten.

    Oder bei Personen die in der Öffentlichkeit stehen und die ich auch als solche kennenlernen. Da gehört es zum guten Ton, die entsprechende Vita einigermaßen im Kopf zu haben. Scheint so ein Ego-Ding zu sein.

    BTW: Die Idee, seine eigene Flattr-ID eintragen zu können, ist echt super!

    1. benjamin.stoecker sagt:

      Hallo Namensvetter!

      Das mit der Flattr ID ist ein Plugin das ich noch einrichten muss, offensichtlich funktioniert es noch nicht so ganz, ich werde dran arbeiten!

      Wie reagieren Menschen wenn du sie darauf ansprichst was du gefunden hast über sie? War schon mal etwas dabei, dass die Leute extrem beschämt waren?

      lg

      Ben

      1. crackpille sagt:

        Naja, die meisten sagen: Wie, du hast mich gegoogelt? Viele interessiert dann, was man über sie findet, was sich klar zuordnen lässt und was nur möglicherweise, hängt ja vom Suchbegriff ab.

        Kann aber nicht sagen, dass bisher jemand darüber sauer war, allerdings umgebe ich mich auch nicht mit einem Menschenschlag, zu dem das passen würde. Und habe auch noch nichts beschämendes gefunden.

        Da ich allerdings in keinen Social-Networks bin, recherchiere ich dort auch nur in Ausnahmefällen über Freunde. Und wenn nicht jemand gezielt ein digitales Ego führt, findet man da häufig nur Zeitungsartikel, Schulnachrichten, vielleicht ein Online-Profil vom Arbeitsplatz.

        Mit eMail, Geburtsdatum, Telefonnummer als Suchbegriff stolpert man dann noch über Kleinanzeigen und andere Verkaufsplattformen.

        Aber peinliche Bilder oder so nicht…

      2. crackpille sagt:

        Öhm – offensichtlich? Bitte nicht daraus schließen, dass ich keinen Flattr-Button habe. Hab nämlich keine ID angegeben…

        1. benjamin.stoecker sagt:

          Ah ok – auf jeden Fall passt es vom Design her noch nicht, aber ich werde das noch integrieren – Noch bastel ich ja am Blog rum.

          Danke für deine Kommentare – sieht man sich auf der OM10?

          1. crackpille sagt:

            Schön wärs; ich bin im Endspurt fürs 1. jur. Staatsexamen Ende Oktober. Das wird daher nix.

            Aber in Chemnitz dürften wir uns sehen. Cheers, B.

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