«

»

Okt
06

Rückblick #OM10 (2) – Das radikale Recht des Anderen

Symbolbild: Frau im SchminkspiegelMan selbst als der Andere (Bild von the Italian voice unter CC-BY)

Nach dem ersten Teil meines Rückblicks möchte ich heute auf eines der großen Themen der Open Mind 2010 eingehen: „Living Post Privacy“ und gnadenlose Transparenz gegen den „absoluten Datenschutz“. Hierzu gab es den Vortrag „Das radikale Recht des Anderen“ von Michael „mspro“ Seemann und am Abend eine Podiumsdiskussion. Ich möchte hier zuerst auf den Vortrag, welcher vom Referenten ebenfalls zum virtuellen Papier gebracht wurde, näher beleuchten.

Wiedergabe des Vortrag

Erstmal möchte ich mich bei mspro für seinen Vortrag bedanken. Auch wenn ich ihm nicht in allem zustimme, hat sein Vortrag meinen Horizont erweitert – und genau das war ja einer der Gründe um auf die openmind zu gehen.

Die „Öffentlichkeit“?

Zu Beginn des Vortrags ging mspro auf den von Sasha Lobo erfunden Begriff „digitale Öffentlichkeit“ ein. mspro meint, dass Sasha Lobo den Leuten die Angst genommen hat Teile ihrer Privatsphäre für Streetview aufgeben zu müssen, in dem er der Privatssphäre den Wert der „Öffentlichkeit“ entgegen gestellt hat.

Er führt dann aus, dass der Zugang zu einem öffentlichen Raum diskriminierungsfrei sein muss, womit man auch gut die Notwendigkeit der Netzneutralität begründen könne. Interessant ist die Herleitung, dass durch die Öffentlichkeit des Internets öffentliche Kulturgüter entstehen, die genau aufgrund ihrer Öffentlichkeit stetig referenziert wird:

Wenn wir die Netzkultur betrachten, dann ist das ein ständiges referenzieren und mashupen von Popkultur. Und das ist eigentlich schon fast eine Kommunikationsform geworden im Netz. Und wir sehen auch wie schlimm das wirklich auch einschlägt und nervt wenn Leute wie Sony Music eben die ganzen Videos von YouTube löschen. YouTube als ein wirklich phänomenales Archiv der Popkultur, dass irgendwie doch auch einen öffentlichen Wert hat.

Was ist „Öffentlichkeit“

Er ging danach auf die bekannten Erklärungen des Begriffs „Öffentlichkeit“ ein. Er bezog er sich vor allem auf Hannah_Arendt, die Öffentlichkeit auf die griechische Polis bezog. Für sie ist die Polis die Idealdefinition des öffentlichen Raumes. Der private Raum, in dem man das notwendinge Tun müsse wie zum Beispiel das tägliche Brot verdienen, ist für sie strickt getrennt vom öffentliche Raum, der vorallem dadurch definiert ist, dass er von „diesen Dingen“ befreit ist.

Sie folgerte weiter, das man im öffentlichen Raum nur frei sein kann, wenn es in ihm keine Herrschaft gibt. Hannah Arendt „lamentierte“ aber, dass das heute nicht mehr der Fall wäre. So dränge das was privat ist, also das Notwendige, in den öffentlichen Raum ein.

mspro merkt an, dass seiner Meinung nach in der heutigen Zeit die Öffentlichkeit kein Ort mehr ist sondern sich der Begriff auf die Massenmedien bezieht. Er geht dann auf Niklas Luhmann ein, der behauptet die Massenmedien hätten die Aufgabe die Gesellschaft zu beobachten um sie zu spiegeln. Dabei ist nicht ihre Aufgabe dies möglich Wahrheitsgetreu zu machen, sondern vielmehr überhaupt ein Bild der Gesellschaft zu liefern, damit ein Diskurs stattfinden kann.

mspro führt dann aus, wie das Internet genau hier die Umstände ändert, begründet in der Tatsache, dass es nicht mehr nur wenige sondern viele Sender von Informationen wahrgenommen werden können. Das hat, wie wir ja alle wissen, weitreichende Konsequenzen.

Der Kontrollverlust

Symbolbild: Abstürzendes FlugzeugFolgt aus dem Kontrollverlust der Absturz? (Bild von underexposed949 unter CC-BY)

Der Referent warf die Frage auf, ob wir durch die „Sendegleichberechtigung“ im Internet wieder „gleiche unter gleichen“ sind – so wie Hannah Arendt die Polis sieht. mspro meint, dass dies nicht der Fall ist, weil durch das Internet ein weitreichender Kontrollverlust eintritt:

Im Grunde genommen ist es die paradigmatische Enteignung des Senders um seine Informationskontrolle. Wir haben jetzt zwar Sender, aber diese Sender haben keine Macht mehr.

Er führt dann aus, dass bisher stets der Sender von Information über den Zugang zu den bereitgestellten Informationen bestimmt hat. Man hat am Ort der Speicherung die Struktur und die möglichen Empfänger festlegen können. und die bereitgestellte Information war in der Regel auch nur auffindbar, wenn man den Empfängern mitteilte, wo sie zu finden ist.

Das ist im Internet so nicht der Fall. Im Internet hat der Konsument der Information – der Abfragende – die Macht. Er legt durch seine Query fest, welche der im Netz vorhanden Informationen er gerade verwenden möchte. Dies befreie den Empfänger von Informationen stark, da nicht mehr der Sender von Informationen im Mittelpunkt des Informationaustausches stehe sondern der Empfänger.

Die Query

Er schlussfolgert dann, dass man den Öffentlichkeitsbegriff auf Grund der dargestellten Tatsachen neu definieren muss:

Wir müssen die Öffentlichkeit von der Query her denken.

Als sehr gutes Beispiel führt er hier Twitter auf. In Twitter sucht sich der Empfänger die Sender (Query) aus, die genau die Informationen bereitstellen, welche gerade vom Empfänger gewünscht sind. Der Sender hat (kaum) eine Kontrolle darüber, wer die zur Verfügung gestellte Information am Ende auch empfängt.

Er behauptet anschließend, das die Öffentlichkeit Privatsache sei, weil jeder seine Suche selbst gestalten kann. Denn genau die Suche ist das, was wir im autarken, im privaten, Zustand gestalten. Er erklärt dann das daraus für den Sender ein Kontrollverlust folgt. Da wir die Query, mit der die bereitgestellte Information gefunden werden kann, noch nicht mal erahnen können, sind wir ihr ausgeliefert.

Er leitet dann her, dass eben die Filtersouveränität – die Query – das radikale Recht des Anderen ist.

Die daraus folgenden Thesen

Er stellte anschließend ein paar Thesen auf, welche er nicht als seine politische Forderung verstanden haben möchte, sondern nur die Maximalforderungen darstellen, die man aus der vorgetragenen Ethik herleiten könne:

  • Vorauswahl von Information ist ein Eingriff in die Filtersouveränität des Anderen
  • Es ist das radikale Recht des anderen zu beurteilen, was eine Information ist und was nicht.
  • Es gibt keine „böse“ oder „gute“ Information. Die Einordnung bleibt dem Anderen überlassen.
  • Wer Informationen preisgibt – egal welche – der stärkt die Filtersouveränität des Anderen (sich überschreiten)
  • Alle Schleusen auf! (z.B. Urheberrecht)

Der ethische Kanal

Er bezeichnet den Rückkanal des Senders zum Empfänger als einen ethischen Kanal, der darin bestünde, dass man mit all den Informationen, die man Anderen zur Verfügung stell, auch ein Statement machen sollte. Dieser vorhandene Kanal ist dazu da einen Appell an den anderen zu richten. Je ehrlicher und je mutiger man ist, um so mehr nützt man der Filtersouveränität des Anderen.

Er führt aus, dass wenn man den dargestellten Weg bis zum Ende gehe wir in einer „Gesellschaft des Gebots“ enden, in der Verbote keinen Sinn machen, man aber sehr viel besser an Andere appellieren könne.

Video des Vortrags

Natürlich gibt es den Vortrag auch wieder als Video. Sowohl als DivX AVI als auch auf YouTube(Teil1, Teil2, Teil3):

Mein Kommentar zum radikalen Recht des Anderen

Ich fand die Argumentationskette in dem Vortrag durchaus schlüssig. Es stimmt, dass einmal veröffentlichte Informationen dem radikalen recht des Anderen unterliegen. Das Informationen, die über uns gefunden werden können, in beim Veröffentlichen nicht bedachten Situationen Verwendung finden können, habe ich erst kürzlich in meinem Blogpost „Living post privacy – Gedanken zum digitalen Selbstbild“ beleuchtet und daraus eigene Schlüsse gezogen.

Was mspro als das radikale Recht des Anderen beschreibt ist allerdings nicht komplett neu, sondern meiner Meinung bereits im Grundgesetz verankert (Artikel 5 – Absatz 1):

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Aber er beschreibt dieses Grundrecht und seine Folgen in der modernen Gesellschaft sehr treffend. Aus dem Recht sich ungehindert unterrichten zu können, kann man das Grundrecht auf Filtersouveränität – meiner Meinung nach – schlüssig herleiten, aber Grundrechte sind immer eine Abwägungssache.

Dem Grundrecht auf Filtersouveränität steht das Grundrecht der Informationellen Selbstbestimmung diametral entgegen. mspro sieht dieses Grundrecht aufgrund der modernen Technik soweit schwinden, dass man es früher oder später nicht mehr durchsetzen könne, was meiner Meinung nach nicht ganz zutrifft.

Ich stimme ihm zwar zu, dass jede Information, die man über sich ins Netz stellt mit einem verknüpft werden kann – das gilt auch für anonyme Informationen wenn diese erstmal eine gewisse Reichhaltigkeit haben. Ich merke hier nur die mögliche Erkennung der Person über den Schreibstil an. Aber wir haben weiterhin die Freiheit und auch das Recht ob wir Informationen über uns von uns ins Netz stellen oder nicht. Diese Entscheidung ist nur nicht in Stufen möglich, wie manche meinen, sondern schlicht binär.

Ob man seine Gedanken, sein Leben, seine intimsten Informationen mit anderen teilt ist die Entscheidung jedes Einzelnen. Sobald man aber Informationen mit irgend einer Person teilt, oder gar mit mit einem Service im Web, muss man davon ausgehen, dass diese Information an die globale Öffentlichkeit gerät und damit bald jedem zur Verfügung steht. Dieses Problem bestand schon immer, es verstärkt sich nur durch die Nichtvergesslichkeit und Durchsuchbarkeit des Netzes.

Ein interessanter Ansatz der Piraten ist allerdings das Grundrecht auf Filtersouveränität in Verbindung mit Urheberrecht. Man könnte argumentieren das derzeit eine unverhältnismäßige Einschränkung vorliegt. Genau hier kommt wieder das Binäre der Informationellen Selbstbestimmung oder der „Informationsveröffentlichung“ zur Geltung: Wenn eine Information erst einmal öffentlich im Netz vorhanden ist, dann wird es sehr schwer es dem radikalen Recht des Anderen zu entziehen.

Das war es für heute, aber bald gibt es Teil drei meines Rückblicks (Piraten als Postideologen) zur openmind 2010.

Ähnliche Artikel

2 Kommentare

3 Pings

  1. rtf sagt:

    ich provozier dich mal:
    ich habe soeben das Video des Vortrags von mspro gesehen und glaube, dass seine Thesen durchaus gesellschafspolitisch relevant sind, stimme zum grössten Teil auch mit ihm überein. Die Allgemeingültigkeit, dass JEDER gleichzeitig „Sender“ und auch „DER ANDERE“ ist, ziehe ich allerdings in Zweifel. Dein Post hier dient mir als Beispiel. Du rekapitulierst unter Verwendung von Zitaten mehr oder weniger exakt den Vortrag von mspro. Du fasst Deinen Eindruck zusammen und schiebst die als einer der „Anderen“ gewonnene Information nunmehr als Sender und unter dem (vermutlich nicht beabsichtigtem) Eindruck eigener, neu generierter Information zurück in die Öffentlichkeit, Diesmal als „Sender“, für zukünftige Querys verknüpft mit Deiner Person. Das ist durchaus in Ordnung, aber ist es der „ethische Kanal“, von dem mspro spricht? Es bestätigt zumindest den Kontrollverlust über die öffentlich gemachte Information.

    Die Gefahr, als einer der „Anderen“, scheinbar selbstbestimmt filternden Individuuen der schieren Masse der „lauten Informationsrecycler“ (Populisten und Schlimmeres eingeschlossen) zu unterliegen scheint mir relativ groß zu sein. Google hat das Problem der Linkfarmen, ich als „Query-Generator“ habe das Problem der Ergebnisgewichtung. Die meisten „Anderen“ haben das Problem, das Problem nicht einmal zu kennen.

    Vielleicht sollte der Fokus auf die Vermittlung des mich sehr begeisternden „ethischen Kanals“ gelegt werden.

    es grüßt -rtf-

    1. benjamin.stoecker sagt:

      Der Sinn des Postes war über den Vortrag zu berichten (und dazu einen Kommentar abzugeben), von daher verstehe ich dich nicht ganz. mspro ist denke ich auch der einzige, der Seinen Vortrag im Wortlaut veröffentlicht hat (und das hatte er nach dem ich schon fertig war).

      Das Problem mit den Populisten verstehe ich voll ganz und bin da durchaus bei dir. Allerdings haben Populisten die in den Massenmedien ankommen natürlich ein noch leichteres Spiel als in einem System, in dem jeder seine Sender aussuchen kann.

      Das Problem mit der Ergebnisgewichtung hatte ich tatsächlich übersehen. Richtig, der Empfänger hat hier ein Problem, aber genau das ist ja das Problem der Modernen Welt: Man muss Informationen Blitzschnell bewerten können.

      lg

      Ben

  1. Wie sieht der Journalismus in der Zukunft aus? | Under Skull and Bones sagt:

    […] Nun, auch wenn ich kein Post-Privacy Jünger bin, muss ich zugeben, dass das Konzept der Filtersouveränität von MSPr0 doch nicht allzu weit von der Realität entfernt zu liegen scheint. In Zukunft wird jeder […]

  2. Folge 8 – Über Datenschutz, Post-Privacy und die Spackeria | Politology.de sagt:

    […] Vortrag “Das radikale Recht des Anderen” von MSPro auf der OM11 (Freiheitsworte) […]

  3. Post-Privacy: Utopie oder sehr viel schlimmer als Honecker 2.0? | Freiheitsworte sagt:

    […] sind öffentlich. Welche Daten jeder konsumiert, unterliegt ihm. Die Filtersouveränität wird zum radikalen Recht des Anderen. MSPro meint, man erliege diesem Kontrollverlust […]

Schreibe einen Kommentar