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Okt
06

Rückblick #OM10 (1) – Die Einleitung und die Keynote

Symbolbild: Foto eines OM10 T-ShirtsLogo der Open Mind als T-Shirt (Bild von Sparta644 unter CC-BY-NC-SA)

Dieser Blogpost ist der erste von mindestens fünf um meine Eindrücke von den mir wichtigsten Dingen der openmind 2010 zu schildern. Die Open Mind war als sinnstiftende Veranstaltung für die Piraten gedacht. Man soll mal einen Schritt zurückgehen und reflektieren.

Wir als Bewohner des Netzes sprechen oft von Freiheit, Demokratie, Selbstregulierung. Aber was verstehen wir eigentlich darunter? Sprechen wir von den gleichen Dingen? Und warum wollen wir sie fördern? Was kann eine Gesellschaftsvision für das digitale Zeitalter sein?

Diese und noch viele weitere Fragen stellen wir uns als Mitglieder der Piratenpartei Deutschland, die wir als Partei für die Belange des digitalen Zeitalters verstehen. Schließlich bilden sie die Grundlage, auf der wir uns in die Politik einmischen. Eine gemeinsame Gesellschaftsutopie zu formulieren sehen wir als logischen ersten Schritt an, um ihre Umsetzung in Angriff zu nehmen – damit sich der politische Einfluss der Netzaktivisten nicht in einer Verteidigungshaltung erschöpft.

Ich persönlich fand den Ort, die Jugendherberge in Kassel, perfekt gewählt: Relativ zentral in Deutschland – ich wurde von @derStoon gefahren – und sicher vielen Besuchern noch bekannt von der Marina 2010 so dass sich, zumindest bei mir, ein Gefühl von zu Hause einstellte.

Ein extra Lob von mir an die Orga, ihr habt das meiner Meinung nach perfekt gemacht. Stets besetzter Infodesk, immer hilfsbereit und erreichbar, die ganze Veranstaltung flutschte: Liebe Orga das war schlicht ein Traum! thumbs up

Nach dem am Freitag Abend keine – ich wiederhole: keine – Party bei Herr Urbach stattfand konnten alle Teilnehmer, nüchtern, ohne Kater und voller Tatendrang, die Keynote von Marcel „Zeitweise“ Merkle hören. Meiner Meinung nach war die Keynote motivierend und ein sehr guter Einstieg in die Veranstaltung.

Er führte aus, dass die Veranstaltung Raum geben soll über grundsätzliche und tief greifende Fragen zu philosophieren. Er ging dann etwas auf die politische Vergangenheit in Deutschland ein und das aus der Forderung an den einzelnen nach hoher Flexibilität und der damit verbundenen Verantwortung automatisch der einzelne mehr Wunsch nach Freiheit verspürt. Genau dieser Wunsch nach Freiheit hält er für einen der Gründe für den Aufschrei gegen Zensursula.

Anschließend stellte er richtiger Weise festgestellt, dass die Politikverdrossenheit für einen Rückzug in das Private gesorgt hat, aber das Internet privat und öffentlich zugleich ist:

Auf der einen Seite ist es die Verlängerung des Wohnzimmers, auf der anderen Seite ist es eine Publikationplattform, die Öffentlichkeit herstellt. Und im Sommer 2009 ist es eben passiert, dass die Politik das Internet entdeckt hat. Und eigentlich müssten wir ja sagen da sind wir froh drum, dass ist ja das, was wir immer gefordert haben, dass eben die Politik versucht sich mit dem Medium auseinander zu setzen. Aber sie hat das Internet eher so entdeckt wie Kolumbus Amerika. Das heißt mit einer Attitüde die Werte aus der alten Welt mitzunehmen – zur erobern – zu missionieren. Und da haben wir plötzlich Angst bekommen und kalte Füße. Denn dieser Rückzug ins private und ins Internet das uns Möglichkeiten gegeben hat die wir vorher nicht hatten war bedroht.

Bild vom Sprecher der Keynote Marcel zeitweise MerkleSprecher der Keynote: Zeitweise (Bild von Sparta644 unter CC-BY-NC-SA)

Danach stellte er fest, dass durch die Piratenpartei die Netzpolitik ein Thema geworden ist im deutschen Politikbetrieb und bemängelte treffend, dass die anderen sich nicht wirklich intensiv mit dem Thema auseinandersetzen sondern das Thema bei vielen nur wichtig ist um zu sagen:

Wir haben die Kompetenzkompetenz … Kompetenz.

Er hält dann fest, dass die Netzpolitik-Debatten Zukunftsthemen sind und weit über das Internet hinaus gehen. Die Debatte wird früher oder später wieder aufkommen, weswegen es positiv ist, dass die Piraten mittlerweile deutschlandweit organisiert und auch ernst genommen werden.

Er legte ebenfalls dar, dass auch die Piratenpartei bei der programmatischen Entwicklung nicht nur Sachprobleme lösen kann sondern das man Werte braucht – einen ideologischen Überbau um ein Ziel zu definieren das man erreichen möchte.

Er führt dann aus, dass für ihn Gesetze nichts über moralische Werte aussagen. Er hat zwar durchaus Recht damit, dass nicht alles was man für moralisch verwerflich hält auch verboten werden muss, aber ich widerspreche ihm bei der Behauptung, dass Moral und Gesetz nicht stark miteinander verknüpft sind. Gesetze sind da um den gemeinsamen Moralkonsens der Gesellschaft in Regeln zu gießen, um von der Gesellschaft nicht aktzeptierbare Verstöße zu ahnden. Die Frage die wir Piraten wirklich aufwerfen sollten ist allerdings durchaus, ob wir nicht Teile des bisherigen Konsens anzweifeln wollen.

Weiterhin empfindet er es nicht als schlimm, dass wir als Internetpartei wahrgenommen werden:

Ganz so dumm ist es gar nicht, denn das Internet ist wichtig! Das Internet kann uns nicht sagen wo wir hingehen. Das Internet selbst ist weder gut noch böse, aber es ist ein Mittel. Es ist ein Mittel, dass uns Dinge tun lässt die früher völlig unmöglich gewesen wären. Und sowas wirkt sich eben auf Demokratie aus und sowas wirkt sich auch über die Kernthemen hinaus aus.

Zum Ende hin erklärt er, dass das Internet ein Überfluss System ist, während „die echte Wirtschaft“ von der Verwaltung des Mangels lebt. Es ist daher gar nicht so leicht die Normen des einen Systems auf das andere zu übertragen. Er erläuterte, dass das Internet uns durch seine Freiheit und Dynamik ermöglicht viele Dinge auszuprobieren, weswegen wir die Freiheit unbedingt erhalten müssen.

In den Schlussworten erklärt er, warum unsere Themen mit anderen Politikfeldern nahe verknüpft sind: Wenn wir das Urheberrecht reformieren wollen, dann müssen wir uns eben auch die Frage stellen wie man ein Wirtschaftssystem und Sozialsystem schaffen kann in dem das auch möglich ist.

Wie bereits gesagt fand ich die Keynote sehr passend, nur leider hat die Veranstaltung den geweckten Erwartungen nicht immer gerecht werden können. So gingen nicht alle Themen ganz so in die Tiefe wie man es sich vielleicht erhofft hatte. Das ist allerdings dafür, dass es die erste Veranstaltung dieser Art war, fast schon zu erwarten.

Wer die Keynote selber ansehen möchte, der kann sie entweder als avi downloaden oder einfach auf Youtube (Teil1, Teil2) anschauen:

Wie die Veranstaltung weiterging könnt ihr dann bald lesen in „Rückblick #OM10.2 – Das radikale Recht des Anderen„.

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  1. Rückblick #OM10 (2) – Das radikale Recht des Anderen | Under Skull and Bones sagt:

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