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Okt
09

Rückblick #OM10 (3) – Piraten als Postideologen

Symbolbild: Bild der Referentin - Julia SchrammDie Referentin, Julia „Laprintemps“ Schramm

Nach meinen bisherigen Rückblicken möchte ich heute auf den Vortrag von Julia Schramm – Ideologie und Emanzipation – eingehen. Julia wollte mit dem Vortrag erklären was Ideologien sind und in wie fern Ideologien Grundbedürfnisse der Menschen befriedigen.

Zusammenfassung des Vortrags

Was ist Ideologie?

Julia erklärt, dass der Begriff Ideologie ihrer Meinung nach während der französischen Revolution, wenn nicht erfunden, zumindest stark geprägt worden ist. Der Begriff sollte ähnlich zur Ontologie – die Wissenschaft des Seins – der Wissenschaft der Ideen einen Namen geben. Napoléon hat den Begriff allerdings später als Kampfbegriff gegen seine Gegner verwendet, so wie heute die Begriffe „Kommunist“ oder „Terrorist“ dafür verwendet werden. Seit dem hat der Begriff auch den negativen „Beigeschmack“, der ihm bis heute noch nachhängt.

Julia selbst versteht Ideologie als weltliches Gegenbild zu Religion. Der Unterschied zwischen Ideologien zu Religionen sei, dass Religionen länger existieren und bisher prägender für die Gesellschaft waren. Ideologien hingegen sind – ihrer Meinung nach – eine Antwort auf die Krise der Religionen und dienen in der modernen Gesellschaft als Religionsersatz.

Das könne man vor allem in der Geschichte der Entstehung der bekannten Ideologien sehen. So kam im 19. Jahrhundert das „Zeitalter der Utopie“ genau dann auf, als die katholische Kirche an Macht verlor. Die Entwickler der Ideen hatten damals geglaubt, mit ihren Ideologien den richtigen Weg für die Menschheit gefunden zu haben – sozusagen das „Ideale Ende der Menschheit“. Die Rolle Gottes wurde in diesen Ersatzreligionen (Ideologien), der Geschichte, der Rasse oder einer Person zugeschrieben.

Symbolbild: Adolf HitlerAdolf Hiltler – Erfüllte Messias Funktion (Bild unter CC-BY-SA aus der Wikimedia)

Religion sei Teil der Menschlichkeit, meint sie. Der Mensch hätte das Bedürfnis nach Religion oder Ideologie. Ihrer Meinung nach wurde das Bedürfnis nach einem solchen geschlossenen Denksystem auch durch die Geschichte des Nationalsozialismus beziehungsweise des Kommunismus deutlich. Der Nationalsozialismus wurde schon zur damaligen Zeit als politarisierte Religion beziehungsweise politische Religion bezeichnet.

Den Wunsch der Menschen nach so einer Religion kann man ihrer Meinung nach mit dem Bedürfnis des Menschen begründen, sich selbst eine funktionale Rolle in einem größerem System zu geben. Diese Rolle befriedige unsere Sehnsucht nach dem Sinn des Lebens. Es existiere in der Gesellschaft ein Wunsch nach Autorität, vor allem nach der Vorgabe von Werten und Regeln.

Religiöse Erfahrungen befriedigen diese Bedürfnisse auf der emotionalen Ebene. Die gemeinschaftliche Erfahrung eines Glaubens gibt dem Einzelnen einen Platz in der Gesellschaft. Nach Ansicht von Julia kopieren Ideologien diesen Teil der Religion. Sie führt als Beispiel die Massenveranstaltungen im Nationalsozialismus an, bei denen man in der Masse untergehen könne. Gleichzeitig hätte der Nationalsozialismus dem einzelnen Menschen eine Funktion zugewiesen. Beides führt zu einem Zugehörigkeitsgefühl zum System. Sie stellt dann dar, dass man diese Massenveranstaltung mit einer Messe Vergleichen kann und das Hitler durchaus als „Messias“ dargestellt wurde. Dies geschah allerdings nicht auf einer höheren geistlichen Ebene sondern strickt auf einer politischen.

Reine Vernunft ist für die Menschen zu „kalt“ meinte die Referentin. Ohne Emotionen kann man Menschen nur schwer in großer Menge mitnehmen. Als aktuelles Beispiel führt sie Stuttgart21 auf.

Der Unterschied von Ideologien und Religionen sei, dass Ideologien den Menschen als den Mächtigen darstellen, während Religionen etwas Anderes, Höheres, beziehungsweise Geistliches, vor dem man Ehrfurcht hat, als das Mächtige definiert.

Ideologien versuchen das Paradies auf Erden zu schaffen und das mit rücksichtsloser Prinzipienhaftigkeit. Um es nochmal festzuhalten: Der Mensch hat das Bedürfnis nach Sinnstiftung und auch das Bedürfnis nach Wahrheit.

Die Emanzipation

Ihrer Meinung sollte unser Ansatz das Denken ohne Geländer, ohne geschlossenes Denksystem und die Zwänge, welche von so einem geschlossenen Denksystem ausgehen, sein.

Symbolbild: Mensch gefesselt in LichtSich von den eigenen Fesseln befreien (Von Kraetzsche Photo unter CC-BY-ND)
Adono nennt das „übermächtige Suggestion“ der wir entkommen müssen, das heißt auch Philosophie muss eine Wissenschaft zur Emanzipation sein: Zum freien Denken. Und das haben wir vorhin auch gehört, Demokratie ist anstrengend. Freiheit ist aber vor alledem auch anstrengend. Freiheit bedeutet dieser übermächtigen Suggestion, dieser Verführung, widerstehen zu können.

Es gäbe mittlerweile, vor allem durch das Internet, so viele Weltanschauungsangebote, dass wir alle lernen müssen, die Komplexität der Welt zu reduzieren. Freiheit bedeute, das man an sich arbeiten müsse, da es die Patentlösung für das ideale Ende der Gesellschaft nicht gäbe.

Wer allerdings meint so etwas erkannt zu haben, der muss sich damit auseinandersetzen, dass er bei der Endlösung ist. Und den Begriff benutze ich bewusst in seiner ganzen Ambivalenz. Aber wenn ich die Patentlösung habe, dann habe ich die Endlösung.

Julia meint, es sei der falsche Weg das Bedürfnis die Welt erklären zu können zu unterdrücken. Viel mehr soll man sich von diesem Bedürfnis emanzipieren. Die Abgabe der Verantwortung an einen anderen, wie zum Beispiel Gott oder den Führer, macht uns unfrei. Denn Freiheit bedeutet eben auch Verantwortung zu übernehmen.

Weiterhin dürfen wir nicht versuchen Konflikte der Gesellschaft auszumerzen. Vielmehr müsse Akzeptanz der Unterschiede und die daraus resultierenden Konflikte zur gesellschaftlichen Normalität werden. Eine Zwangsharmonisierung aller führt zum Ausschluss von Randgruppen – bis hin zum Mord dieser Randgruppen in totalitären System.

Unser postideologischer Anspruch hätte daher das Ziel das Denken zu befreien. Dabei muss dieses Denken die Komplexität und Unzulänglichkeit der Gesellschaft anerkennen und eben nicht zwanghaft versuchen diese Umstände beenden. Postideologie bedeute sich von gedanklichen Konstrukten abzuwenden und sich stattdessen der Gegenwart und der Zukunft zuzuwenden.

Ihr ist bewusst, dass es eine große Herausforderung darstellt dies in einen Politikanspruch zu gießen:

Jeder muss für sich einzeln versuchen sich von diesem Bedürfnis zu emanzipieren. Ob das wirklich klappt ist wahrscheinlich fraglich, aber gleichzeitig müssen wir auch als Politik die Infrastruktur zur Verfügung stellen, wo wir zum Beispiel wieder beim Thema Bildung sind.

Da Ideologie immer Kommunikationsnetze seien, bezeichnen manche sogar das Internet selbst als Ideologie. Dies machen sie vor allem, um das Internet in ein schlechtes Licht zu rücken. Dabei hat das Netz auf der einen Seite die Aufgabe Aufklärung zu betreiben, auf der anderen Seite besteht allerdings auch dort die Gefahr, dass sich Meinungsmonopole bilden. Dies könnte man zum Beispiel auf Twitter beobachten.

Eine Frage, die man sich stellen könne, ist, inwiefern das Internet das Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit befriedigen kann. Es ist ein Ort für viele Ideen, in dem man sich einerseits verlieren, andererseits aber auch isolieren kann. Man sollte die Gefahr nicht außer acht lassen, dass man sich im Internet von anderen Ansichten abschottet.

Unsere Gesellschaft funktioniere aber nicht ohne gemeinsame Werte-Grundlage. Die wesentliche Herausforderung der Politik ist, dass pragmatische Werte nicht aufgrund einer Ideologie verteufelt werden.

Video des Vortrags

Natürlich gibt es den Vortrag auch wieder als Video. Sowohl als DivX AVI als auch auf YouTube(Teil1, Teil2, Teil3,Teil4):

Mein Kommentar zum Vortrag

Ich persönlich gebe Julia inhaltlich bei einem Großteil ihrer Ausführungen Recht. Allerdings verstehe ich die verwendeten Begriffe teilweise anders. Für mich ist es an sich nichts negatives eine Ideologie zu besitzen. Ich verstehe den Begriff Ideologie allerdings auch eher wie er in der Wikipedia definiert ist:

Als wertfreier Begriff ist Ideologie „die allen politischen Bewegungen, Interessengruppen, Parteien, aber auch Konzepten immanente“ Summe der jeweiligen Zielvorstellungen (siehe Politische Ideologie).

Im allgemeinen Sprachgebrauch ist Ideologie ein System von Ideen, Vorstellungen, Werturteilen und Begriffen und kann synonym zu „Weltanschauung“ Verwendung finden.

Als politische Ideologie definiert die Wikipedia:

Eine politische Ideologie (auch: Ideologismus, siehe -ismus) ist ein System von Sätzen, mit einem weltanschaulichen, politischen und wertenden Charakter, die auch Ausdruck von Gefühlen und Einstellungen sind. In ihr spielen neben theoretischen Überlegungen auch praktische Elemente eine wichtige Rolle. Eine Ideologie möchte die Welt nicht nur erklären, sondern auch beeinflussen. Oder anders ausgedrückt sind Ideologien Ausdruck verfestigter politischer Normen und Einstellungen mit einem normativen Gestaltungsanspruch. Sie motivieren also das politische Verhalten der Menschen.
Symbolbild: Die Welt in 2 HändenDie Welt liegt in unseren Händen (Bild Unter CC-BY-SA von tompagenet)

Meiner Meinung nach kann man keine Politik ohne Ideologie machen. Sie ist die Grundlage des eigenes politischen Handelns. Gefährlich wird es allerdings dann, wenn die Ideologie zur Utopie wird. Noch gefährlicher wird es, wenn man dann versucht die Utopie mit aller Gewalt durchzudrücken.

Die Frage, die sich die Piraten meiner Meinung nach stellen müssen ist, wie sie damit umgehen, wenn ihre Ideologie auf die Welt trifft und man bemerkt, dass beides nicht zusammen passt und auch nicht zusammen passen kann. Denn genau hier begehen Menschen gerne den fatalen Fehler zu fordern, dass die Welt oder die Menschheit sich doch so zu ändern hat, das die Ideologie noch funktioniert. Die Ideologie wird dadurch zur unabänderlichen Utopie, was brandgefährlich werden kann.

Pragmatische Politik heißt für mich, dass man bei Diskrepanzen zwischen der eigenen Ideologie und dem Wesen der Welt realistisch bleibt und seine Ideologie anpasst. Man könnte auch sagen, wir Piraten müssen Herr unserer Ideologie bleiben und nicht die Ideologie zu unserem Herren machen.

Ich denke Julia meint das durchaus ähnlich, wie ich ja bereits gesagt habe, definieren wir die Begriffe unterschiedlich.

Ich möchte Julia für ihren Vortrag danken, vor allem für ihren Mut. Es gehört schon eine Menge Schneid dazu, die Analogien zwischen den politischen Systemen, die fanatisch versucht haben Utopien durchzusetzen, und Religionen aufzuzeigen. Für Jemanden, der nicht Politik studiert hat und sich daher nicht bereits intensiv mit solchen Dingen beschäftigt hat, ist der Vergleich erst einmal schockierend. Wenn man allerdings über die Argumente nachdenkt und sie näher beleuchtet muss man Julia hier voll und ganz recht geben.

Julia hat mit ihrem Vortrag mein Weltbild erweitert, was ja genau der Sinn der OM10 war. Negativ an dem Vortrag war, dass Julia des öfteren in die Fachsprache der Politik abgedriftet ist. Gepaart damit, dass sie dazu neigt mehrere Gedankenstränge gleichzeitig zu artikulieren war es – zumindest für mich – manchmal schwer ihr zu Folgen und sich gleichzeitig noch seine eigenen Gedanken zu machen.

Das sie sich dabei allerdings nicht verhaspelt, zeugt davon, dass sie eine hoch intelligente und gebildete Frau ist. Gerüchteweise habe ich auf der OM10 gehört, dass man eine Kandidatur von Julia für den Bundesvorstand erwarten kann oder dass sich das zumindest manche erhoffen. Ich persönlich kann nur sagen: Liebe Julia, solltest du kandidieren, kannst du dir meiner Stimme gewiss sein, wir brauchen mehr Leute wie dich in den Schaltzentralen unserer Partei.

Das man so eine Veranstaltung auch nutzen kann um Differenzen zu beseitigen könnt ihr dann im Teil 4 (Liquid Feedback der Rücktritt und ich) meines Rückblickes zur OM10 lesen.

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1 Kommentar

1 Ping

  1. hans sagt:

    Die Schramm ist so dermaßen hohl!
    Sollte sich lieber bei GNTM bewerben!
    Außer gut aussehen – nix drauf.
    Schade.

  1. Der Messias ohne Judas | Freiheitsworte sagt:

    […] für einen Messias, der in irgendeiner Form Leitlinien und ein gefestigtes Weltbild verspricht. Menschen sehnen sich nach Werten und Normen, die durch Ideologien vermittelt werden. Karl Theodor ist dabei offenkundig der Messias, der Jesus, der das neue Wertesystem den eigenen […]

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