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Okt
16

Das Kondom – der gläserne Pantoffel der Neuzeit

Frau mit Kondomen

Das Kondom – Heute etwas alltägliches?

(Bild von msdiamondfarahCC-BY-ND)

Nun, wenn man Single ist – na gut durchaus auch wenn man in einer Beziehung ist – kommt es ja hin und wieder vor, dass man zum Schutze vor so einigen Unannehmlichkeiten bei körperlichen Aktivitäten ein Kondom verwendet.

Nun ist es fünf Jahre her, dass ich so ein Kondom gebraucht habe. Früher bin ich ja zum Besorgen in die Apotheke gegangen, am besten in einer anderen Stadt – ach, was sage ich, in einem anderen Bundesland. Mittlerweile ist man ja ein paar Jahre älter und die Welt hat sich weiter gedreht – irgendwie denkt man, die Welt hätte sich verändert so wie man sich selbst auch verändert hat.

Man ist eben jetzt endlich erwachsen geworden – meint man zumindest selbst. Man schämt sich auf jeden Fall nicht mehr seiner eigenen Sexualität und geht in das nächste Warenhaus einer größeren Kette und geht auf die Suche nach dem schützenden Gummi.

Nur, wo findet man die Kondome? Schilder kann man keine entdecken – also versucht man es einmal werbepsychologisch durch zu denken! Bei den Duftwässerchen für Männer! Frei nach dem Motto:

Wenn der versprochene AXE-Effekt wirklich greift, kannst du das hier nun wirklich gut gebrauchen!

Nein, da ist weit und breit nichts zu finden. Gut, zweite logische tiefenpsychologisch begründbare Idee: Bei den Windeln:

Damit dir das mit dem Baby nicht noch einmal passiert.

Nein, auch im Regal der „Empfänger der Braunen Bomben“ ist nichts zu finden. Nun gut, nach 15 Minuten des vergeblichen Suchens vergeht einem dann doch die Lust zu raten. Fix in den Hauptgang gelaufen und sogleich auch eine Regalauffüllmitarbeiterin entdeckt. Voller Tatendrang schrie ich ihr auf zehn Meter Entfernung zu: „Hallo, könnten sie mir helfen? Wo habt ihr hier denn bitte die Kondome versteckt?“

Und da war er – der entsetzte beschämte Blick der Anderen: „Hat dieser Mann hier gerade über irgend etwas, dass mit Sex zu tun hat ernsthaft laut ausgesprochen?“ Ich versuchte den selbstbewussten Blick aufzusetzen der verdeutlichen sollte: „Ja, habe ich! Bitte gib mir eine Antwort!“

Mann mit Finger vor dem Mund

Ist Sex immer noch ein Tabuthema?

(Bild von shyaldCC-BY-ND)

Sie verwies mich dann – immer noch etwas verdutzt – auf das passende Regal. Dort angekommen war allerdings ich verdutzt: Die verstecken die Kondome, das Gleitgel und das bisschen Sexpielzeug, welches sie haben, ernsthaft zwischen den Tampons. Was für mich sofort Fragen auf warf:

Kaufen Männer immer noch keine Kondome? Ich meine – und ja liebe Frauen, dass sollte vielleicht nicht so sein, aber das soll wo anders erörtert werden – normale Männer machen um die Damenhygieneprodukte nun den größtmöglichen Bogen! Und da wird sich beschwert Männer würden nicht an die Verhütung denken!

Das notwendige für die Verhütung kann man dann nur auf dem Klo oder bei dem Damenprodukten finden? Gut, vielleicht vertausche ich hier Ursache und Wirkung. Möglich ist sicherlich, dass Kondome genau dort sind, weil sie nur von Frauen gekauft werden. Aber auch hier könnte man sich die Frage stellen, warum Kondome genau dort zu finden sind, wo Dinge in unmittelbarer Nähe sind, die Männer für – naja sagen wir unappetitlich halten?

Und was soll hier eigentlich die Messsage für Frauen sein?

Hier sind die Kondome, damit du weiterhin die Tampons gebrauchen kannst! Wir wollen ja nicht, dass es zu einer 9 monatigen Pause kommt, oder?

Nein, unwahrscheinlich. Viel mehr ist es doch wahrscheinlich, dass Sexualität immer noch etwas ist, was wir verbergen, mit dem wir in der Gesellschaft nicht richtig offen umgehen möchten. Sex ist immer noch Sünde.

Die Frage ist, sollte das im 21. Jahrhundert noch so sein? Sollten wir nicht die Prüderie besiegt haben?

Die Religion hat der Liebe einen großen Dienst erwiesen, indem sie sie zur Sünde erklärte. (Anatole Fance)

So unrecht hatte Anatole damit nicht – wir Menschen begehren gerne die Früchte, die wir als verboten ansehen – das war sogar bei Adam und Eva schon so. Wobei die körperliche Liebe einer unserer wenigsten ureigenen Triebe ist.

Normalerweise müssten die Menschheit doch das Kondom offenkundig feiern, da es der Sieg des Intellekts der Menschen über die Folgen seiner Triebe ist. Der Vergleich aus dem Film Fight Club mit einem gläsernen Pantoffel finde ich extrem treffend:

You know, the condom is the glass slipper of our generation. You slip it on when you meet a stranger. You dance all night then you throw it away. The condom, I mean. Not the stranger. (Marla Singer – Fight Club)
Bild von Schuhen aus Glas

Gläserne Pantoffel vergangener Zeiten…

(Bild von glamhagCC-BY-SA)

Das Kondom als Vehikel um ungehindert mit dem Prinzen tanzen zu können – der Vergleich hat doch was, irgendwie. Gut, vielleicht lässt man diesen Pantoffel dann lieber doch nicht liegen um durch das erneute Anziehen wiedergefunden zu werden.

Ernsthaft übrig bleibt dann allerdings die Frage, ob Sex immer noch ein Thema in dieser Gesellschaft ist, über das nicht so offen geredet wird wie es vielleicht sein sollte, ja vielleicht sogar müsste. Die sexuelle Revolution der siebziger Jahre war ideologisch eigentlich schon seit den Dreißigern vorbereitet worden – sie kam also gar nicht so überraschend wie mancher denkt.

Sicher, Sex ist kein Tabuthema der Gesellschaft mehr, aber ist die sexuelle Revolution wirklich am Ende und fertig? Irgendwie ist doch noch ein fader Beigeschmack bei dem Thema noch vorhanden, oder?

Auch wenn uns stetig sexuelle Reize umgeben ist doch immer noch irgendwie die unterbewusste Bigotterie vorhanden: Sex haben doch nur die anderen. Wie passt das zusammen? Halten wir unsere Leidenschaft für schlecht? Halten wir einen offenen Umgang mit Sexualität für eine Ausschweifung?

Die Mutter der Ausschweifung ist nicht die Freude, sondern die Freudlosigkeit. (Nietzsche)

Eigentlich sollte nur die Ausschweifung, nicht die Hemmungslosigkeit uns beschämen. Natürlich sollte man sich von seinen Trieben nicht beherrschen lassen, aber doch sollte man sich seiner selbst nicht leugnen und seinen Lastern dann auch frönen und dazu stehen.

Wir sollten nicht zurück zur Doppelmoral der letzten Jahrhunderte, die bei den meisten Menschen nur für Frust sorgte. Und es gibt immer mehr Moralapostel, die uns genau das erzählen wollen: Nur ein asketisches Leben bringt die Erfüllung!

Den Lasterhaften tadelt oft, wer ihn beneidet. (Wilhelm Busch)
Vorwurfsvoller Blick

Vorwurfsvolle Blicke sind oft nur Neid

(Bild von neogaboxCC-BY)

Anstatt unsere Laster zu tadeln und zu leugnen sollten wir lernen verantwortungsbewusst damit umzugehen – auch mit Sex. Und gerade Kondome sind doch eigentlich Ausdruck eines verantwortungsvollen, realistischen Umgangs mit einem unserer Triebe.

Wir brauchen also nicht mehr durch Photoshop hochgezüchtete Blondinen auf Hochglanzmagazinen an den Kassen, wir brauchen nicht mehr Zigaretten in den Regalen an denen jeder vorbei muss. Genau das ist doch der falsche Umgang mit unseren Gelüsten.

Stattdessen sollten an der Kasse die Kondome hängen! Dann müssten Männer auch nicht so lange danach suchen und würden sich an der Verhütung sicher mehr beteiligen. Außerdem wäre es auch eine gewisse Mahnung und Ansage an alle:

Ja, wir wissen das du es tust, du weißt das du es tust, dein Nachbar weiß das du es tust und der hinter dir an der Kasse auch. Aber wenn du es tust, denk wenigstens daran dich zu schützen.

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4 Kommentare

  1. Aleks A. sagt:

    Du lebst in der falschen Stadt.
    In München kriegste eine große Auswahl Kondome in jedem Drogerie Markt.

    Schönen Gruß
    Aleks

  2. Robert Streng sagt:

    Hohner, direkt wenn man vom ZOB kommt, gegnüber vom Tabak-Zeitungs-Stand bei den Zahnbürsten, wenn ich mich richtig erinnere ;D

  3. cmrcx sagt:

    Eigentlich finde ich es ja ganz lustig, bei einer attraktiven, lüstern grinsenden Kassiererin Kondome zu bezahlen. Aber ich kann mit der geringen Auswahl in den Drogeriemärkten leider wenig anfangen und ich glaube auch nicht, dass Apotheken besser sortiert sind. Deshalb bestelle ich meine Kondome nur noch im Internet.

  4. yrthy sagt:

    Bayern ist schon ein spannendes Land….

    ..in Düsseldorf hängen die oft an der Kasse zwischen Mints, Korn und Kippenhülsen.

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