«

»

Okt
28

Hartz Fear von antiprodukt

Schild der Bundesagentur für Arbeit

Arbeitsagentur: Verwaltet die Arbeitslosen

(Bild von svensonsanCC-BY)

Zahlreiche Berichte über das Leben, welches keines mehr ist, dank Hartz4, gibt es schon, hier noch ein total Subjektiver:

Es war einmal

Im Sommer 2010 schloss ich meine Berufsausbildung “erfolgreich” ab. Diese war zu großen Teilen nach einer mehrjährigen Odyssee mit Praktika, Minijobs und einem FSJ Kultur aus Vernunftsgründen von mir begonnen worden. Ein erheblicher Kraftaufwand war nötig, um bis zum Ende durchzuhalten. Ich bin ein Auf-der-Strecke-Bleiber, Non-Konformist, nie gerade gegangen, aber meistens mit geradem Rücken. Bis dahin. Ich lernte, dass man dickes Fell braucht und dass absolut jeder im “Business” dir in den Arsch treten kann und dies tut, sofern den eigenen Zielen förderlich. Ich checkte, dass es Leute gibt, die dich tatsächlich biegen und brechen wollen. Auf Biegen und Brechen. Es war nur logisch, dass ich nicht übernommen werden würde, zuviele Konflikte während der Ausbildung, zu stark meine Persönlichkeit, zu dreckig die Branche.

Der reguläre Weg

Recht entspannt begann ich also Bewerbungen zu schreiben. Zuversichtlich und motiviert optimierte ich auf dem gängigen Wege Lebenslauf und Unterlagen, ließ mir eine Bewerbungswebsite bauen, produzierte Visitenkarten-ähnliche Flyer. Und bewarb mich.

Und meldete mich. Bei der Bundesagentur für Arbeit und bei der ARGE. Mein Ausbildungsgehalt war zu niedrig, um von dem prozentualen Anteil, welches mir als Arbeitslosengeld I zusteht, leben zu können. Hartz 4 bekomme ich also als Aufstockung. Das sind im Monat 351 Euro zzgl. Miete.

In einer Berufsberatungsstelle (individu:elle), sowie bei der Bundesagentur für Arbeit und der ARGE wurden meine Vorbereitungen als vielversprechend bewertet, ich machte mir keine Sorgen, ging auf den “richtigen” Wegen. Bis zu diesem Tag habe ich circa 80 Bewerbungen verschickt, viele davon initiativ, also ungefragt, habe sämtliche Bekannte und Freunde angeschrieben, Twitter und andere “Social Networks” genutzt. Eine Arbeitsstelle habe ich nicht.

Selbstverständnis und Orientierung

Dass ich in der freien Wirtschaft nicht glücklich werden würde, war mir immer klar. Dass ich mich eventuell irgendwie anpassen könnte, dachte ich bis zu Beginn meiner Ausbildung. Schnell war klar: Könnte ich, will ich nicht, mach ich nicht. Ich hätte einen kindlichen Idealismus, eine zu schwierige Persönlichkeit, sei “unhandlich”, solche Sätze hörte und höre ich oft.

Kleidungs- und Sprachstil, Lebenseinstellung und Verhaltensweisen gilt es zu verändern, anzupassen, zu normen.

Ich machte mir die Mühe, darüber nachzudenken. Und kam zu dem einzig richtigen Schluss: So will ich mich auch definieren. So will ich sein – unhandlich. Ich eigne mich nicht als Arbeitsmarionette, als Lohn-Sklavin, als Untergebene. Doch wohin, mit einem Menschen, der nicht ist, wie er sein soll, in diesem vom kapitalistischem Lobbyismus regierten Land?

Weg von der “Business-Welt”.

Kulturell/Sozialer Bereich, da wo die “Ausgeflippten” am Rande und mit einem beschissenen Einkommen, sich von Jahresvertrag zu Jahresvertrag hangelnd, geduldet werden.

Obgleich persönlich und in Teilen auch fachlich qualifiziert ist es schier unmöglich, in einem solchen Bereich ohne Studium angestellt zu werden. Dipl. Sozialpädagogik, Soziale Arbeit oder ein verwandter Studiengang muss es schon sein. Ausgebildet im Bereich Projektmanagement und versehen mit kaufmännischem Grundlagenwissen und mehreren Jahren Erfahrung in der Arbeit mit Kindern dachte ich zunächst naiv, ich käme da schon irgendwie rein. Kam ich nicht, komme ich nicht.

Ich habe überlegt, in eine Kommune zu gehen, ins Ausland, einen Bauwagen zu kaufen, auszusteigen. Aber dazu bin ich zu feige und zu kritisch.

Bild einer geängstigten Frau

Angstzustände durch Arbeitslosigkeit

(Bild von h.koppdelaneyCC-BY-ND)

Wie die Tage jetzt sind

Ohne Stabilität und Strukturen befindet man sich schnell, sehr schnell im freien Fall. Drogen, um die aufkommenden Ängste zu unterdrücken, fördern Depressionen, Depressionen fördern Ängste. Alles in allem stellt sich ein schwer erträgliches Phlegma ein. Ein manchmal viel zu rasantes Leben wird komplett ausgebremst, einfach die “Pause”-Taste gedrückt.

Es fällt mir jeden Tag schwerer, einfachste Dinge zu verrichten, einen Alltag aufrecht zu erhalten, vor die Tür zu gehen. Menschen zu treffen wird schwieriger. Ob in der großen Öffentlichkeit (Soziophobie) oder im kleinen Kreis. Hartz4 ist ein Stigma.

Hartz4 ist, in welchen sozialen und kulturellen Schichten auch immer, verpönt. Es gibt viele Menschen, die sagen “Hey, macht nichts, ist doch okay”, aber ihr Blick verändert sich. Mir ist nie aufgefallen, wie oft ich eigentlich gefragt werde, was ich “so mache”. Jetzt fällt es auf, denn vom lächelend “hartzen!” rufen ist mir schlecht. Das Ewige “Wird schon alles” klingt wie blanker Hohn, ich nehme mich selbst diesbezüglich nicht mehr ernst.

Dass ich für die Gesamtheit, die Gesellschaft nichts beitrage ist mir bewusst, ist jedem bewusst. Ihr bezahlt mich mit euren Steuern.

Und ich? Weiß nicht mal ob ich arbeiten will, soll, kann.

Ein soziales Leben ist finanziell kaum aufrecht zu erhalten. Die Kollegen, mit denen man früher schnell auf einen Kaffee gegangen ist, haben einen längst vergessen, die Freunde besuchen teure Kneipen, man fängt an zu meiden. Man sollte sich schließlich was schämen, derart an der Brust unseres wunderbares Sozialstaates zu hängen! Und tatsächlich: Ich empfinde Scham.

Ich sage Sätze wie “Mehr als mich bewerben kann ich ja nicht.”. Aber ich meine sie nicht.

Völlig orientierungslos bezügliches meines Selbst, meiner Aufgabe und meinem Platz in dieser oft schrecklichen aber eigentlich doch sehr schönen Welt vegetiere ich also. Mit heftigeren und leichteren Depression, mit Motivationsschüben und Momenten des Mutes und vielen Momenten der Hoffnungslosigkeit. “Abfallprodukt der Gesellschaft”, der Maschine beschreibt die Fremd- und (ein Stück weit) auch die Selbstwahrnehmung gut.

Ich befinde mich in einem Strudel nach unten und meine einzige Möglichkeit, ihm zu entkommen ist das Verkaufen meiner Seele.

Vom Umgang mit dem Amt

Die gesellschafliche Entwertung und Entmenschlichung zeigt sich vor allem im Umgang mit der Arbeitsagentur und der ARGE.

Bombadiert mit Schriftstücken, Ermahnungen, Anrufen, Forderungen, Formularen, Broschüren verliert man selbst als halbwegs strukturierter, gebildeter Mensch den Kopf, den Mut, das Selbstvertrauen.

Ständige Repression, falsche Unterstellungen, Ärger, unsinnige Termine sind an der Tagesordnung. Mehrmals im Monat Änderungsbescheide und ein wachsendes Gefühl der Ohnmacht . Eine Sysiphus-Ameise, die dafür kämpft, in Ruhe arbeitslos sein zu dürfen. Nichts ist mehr sicher, nichts ist mehr verlässlich. Existenzangst, Versagensangst, Aufstehangst.

Wohin das führen soll

Ich schrieb weiter oben, dass ich nicht weiß, ob ich arbeiten kann/will/soll. Das liegt zum einen daran, dass ich tatsächlich beginne an meiner psychischen Gesundheit zu zweifeln. Ein weiterer Punkt ist aber die Frage nach dem “Wie”.

Ich kann leisten und ich kann Herzblut einbringen.

Aber ich bin nicht flexibel, belastbar, teamfähig, kommunikativ, verkaufsstark, eigenverantwortlich, ortsungebunden, durchsetzungsstark, mehrjährig erfahren, hochmotiviert, leistungsbereit, engagiert, souverän, effizient, zielgerichtet, analytisch, vielfach interessiert, kreativ, innovativ und habe Kenntnisse von 1.000 Software-Programmen und drei Betriebssystemen und 20 Sprachen.

Ich versuche einfach nur, aufrichtig, wach und gut zu sein. Ich will die Welt ein winziges Stück mitgestalten. Ich will, dass es den Menschen in meinem Umfeld gut geht. Ich will Zeit für mich haben. Ich will eine feste Aufgabe haben und gebraucht werden. Ich will Lebendigkeit ausstrahlen und andere bereichern. Ich will mich entwickeln und nie bitter und vergrämt werden. Ich will die wirtschaftliche Revolution. Ich will erkannt und geschätzt werden. Ich will ein Leben, das des Begriffes wert ist.

Ich will arbeiten, doch ich passe nirgends hin. Ich habe Angst vor der Welt und ich habe Angst vor der Zukunft. Ich bin 23 Jahre alt und ich bin fertig mit dem System.

Ähnliche Artikel

9 Kommentare

  1. Frau_Riatica sagt:

    Vielen Dank, liebe Antiprodukt!

    1. Konni Scheller sagt:

      für was jetzt genau?

  2. Konni Scheller sagt:

    Und was willst Du uns nun damit sagen? Wundert Dich jetzt echt, dass keiner auf die Bewerbung einsteigt?

    Ich bin selbst Arbeitgeber und kämpfe täglich mit der Existenz. Ich gehe Wagnisse ein, schließe täglich Kompromisse. Das ist normal.

    Klar könnte ich sagen, ich mach jetzt keine Schnitzel mehr (willichnich, kannichnich), ich mach stattdessen die Welt besser, wenn ich was anderes koche – das interessiert nur keinen. Ich muss mich genauso auf meinen Arbeitgeber einstellen – das sind die Gäste.

    Übrigens: es gibt gar kein “System”.

    1. vaxr sagt:

      Es scheint hier einfach nur um die Darstellung ihrer Lebenssituation zu gehen.

      Sorgst du dich wegen deiner Schnitzel? Schreib dein eigenes Pamphlet!

  3. k sagt:

    Toll! Mach ja keine Kompromisse! Lieber arbeitslos bleiben und vom Geld anderer Leute leben. Es ist wichtiger, dass Du Dich nicht ändern musst. Sollen das doch die anderen machen. Die gehen ja auch schließlich für Dich arbeiten.

  4. Betti sagt:

    Ich hoffe du kommst aus diesem Tief wieder heraus und siehst ein, dass auch Arbeiten für wenig Geld erfüllend sein kann. Bei einem Verdienst von 850 Euro, bekommst du immer noch 100 Euro vom Amt dazu. Ich würde zu einer Zeitarbeitsfirma gehen und schauen, ob es was für dich gibt.

  5. Frau Olga Sommer sagt:

    Mache doch eine Therapie wenn du es alleine nicht packst. 23 ist zu früh für Irrwege oder Rente.

  6. Andre sagt:

    Hi , kann gut verstehen wie du dich fühlst ,bin selber 25 habe auch meine ausbildung und versuche mir gerade einzureden das ich nach dem abi studieren gehe was für mich ein einziger graus is allein der gedanke daran … es ist schwer als einzelner klar zu kommen und positiv dabei zu denken und warum soll man sich für andere ändern und verbiegen sollen die es doch tun um dir zu gefallen nicht andersrum ….. man ist wer man ist und so soll es auch sein leider kommen viele menschen damit nicht klar und stellen sich über dich mit hoch gehaltener nase nase und dabei sind sie nicht eindeut besser im gegenteil finde solche leute schlimm weil sie mit der menge mitschwimmen und nicht sein können wer sie sind

    mfg und weiterhin noch viel erfolg in dem was du tust

  7. Andy sagt:

    Dies ist leider für immer mehr Menschen (noch nicht für die Mehrheit) der ganz normale Alltag im menschenverachtenden Kapitalismus der Gegenwart…darum Widerstand dem System…! Veränderung beginnt mit Verweigerung…! Stigmatisierung und Ausgrenzung sind die DRuckmittel der Imperialisten…Maximalprofite gehen nur gegen den Menschen und nicht mit den Menschen !

Hinterlasse eine Antwort