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Nov
12

Der #JMStV und das Bußgeld für die Kunst

Bild von blonder Frau mit Spritze im MundEntwicklungsgefährdende Kunst? Bild: VICIOUS – VIDEOS (Alle Rechte vorbehalten)

Es sieht so aus, als ob beim Jugendschutz im Internet ernst gemacht wird. Es ist ja beim besten Willen nicht so, dass erst nach der Neuregelung des JMStVs ein faszinierendes Weltbild die Freiheiten im deutschsprachigem Web bedroht. Nein, auch die aktuelle Version beinhaltet Sendezeitbeschränkungen und andere Verpflichtungen.

Langsam wird deutlich, dass das „Versprechen“, den Jugendschutz im Netz durchzudrücken, eingelöst wird.  Scheinbar wird dabei sogar bei Kunst nicht halt gemacht:  So bekam der Künstler Christian Kaiser von der BLM einen Bußgeldbescheid, weil seine Kunst für Kinder und Jugendliche entwicklungsbeeinträchtigend sei – die Bilder wären „sozial ethisch desorientierender“ Inhalt.

Der Künstler beschäftigt sich in der Bildserie „Heroin Kids“ mit Drogen, Liebe, Selbstzerstörung, Leben, Sehnsucht, Kindern und Gewalt – und war dabei schonungslos und realitätsnah. Das gibt er auch in seiner eigenen Pressemitteilung offen zu:

Wir zeigen junge, halbnackte Mädchen im Dreck auf Heroin. Wir zeigen drogenabhängige Mädchen nur mit knappen Slip und BH, mit einer Nadel zwischen ihren trockenen Lippen. Wir zeigen vollgekotzte Toiletten und Mädchen, die sich Fäkalien ins Gesicht schmieren. Wir zeigen junge Mädchen auf vollgeschissenen Matratzen, die Spritzenketten mit nicht sterilen Spritzen um ihren Hals tragen.

Überschreitet er damit die Grenze des guten Geschmacks? Vielleicht – auf der anderen Seite – who are we to judge? Darüber hinaus besteht ja durchaus die Möglichkeit, dass diese Kunst auch vor Drogenkonsum abschrecken kann. Selbst wenn dem nicht so ist, ist es nicht auch Aufgabe von Kunst zu provozieren und unsere Sicht der Welt um neue Blinkwinkel zu erweitern? Jugendschutz als solches darf die Kunst nicht einschränken. Da ist das Grundgesetz eindeutig. Der Künstler selbst verlangt dementsprechend die Kunstfreiheit im Netz und wenden sich gegen die Zensur:

Wir sind jedoch der Meinung, dass Kunst neue Denkstrukturen aufzeigen soll. Das Internet soll eine freie Plattform sein, in der unterschiedliche Denkweisen und Sichten auf die Welt ohne Angst vor Zensur und Repressionen geäussert und gezeigt werden dürfen und müssen. Unter dem Vorwand des Jugendschutzes werden ungeliebte Ansichten und Denkweisen aus der Öffentlichkeit verbannt.

Der Künstler ist gegen den Bußgeldbescheid vor Gericht gezogen. Die Verhandlung findet am 24.11.2010 im Amtsgericht Ebersberg bei München statt. Es wird interessant zu verfolgen, wie das Gericht urteilen wird.

Das Urteil könnte auch Auswirkungen auf die aktuell diskutierte Fassung des JMStVs entfalten – ein umfangreicher Freifahrtsschein für Kunst würde den Staatsvertrag weiter ad absurdum führen. Für mich wirft der Fall allgemein die Frage auf, ob die Filterprogramme – die Provider ja anbieten müssen – Kunst überhaupt filtern dürfen oder ob Kunst sich durch Kennzeichnung „durchschalten“ darf ?

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3 Kommentare

6 Pings

  1. name sagt:

    wenn die fotos nicht so schlecht gemacht wären würde ichs verstehen. so ist es billige fleischbeschau, n paar nette mädels auf fertig gestylt und das nichtmal gut.
    das scheint weniger intention zu haben als nur schocken zu wollen.

    sollen sie echte junks ablichten und kein hübschi models die mit ein bisschen schmodder auf böse und kaputt gestylt sind. die junks können die kohle sicher gut gebrauchen…

    die gestelltheit schreit aus den bildern. das hat keine aussage, elend nachmachen, so ein bischen böse wirken wollen und leider nur so aussehen wie gewollt und nicht gekonnt.

    aber so ist die gesellschaft, man betrachtet sowas mit einem wohligen schauern und kann sich sicher fühlen. die realität interessiert keinen. echt kaputte leute sieht man genug auf der straße und die anderen junkies, die die klarkommen trotz shorekonsums, die sind auch nicht interessant. nicht zu bemitleiden, nur selbst schuld.

    diese bigotterie ist so widerwärtig. man verachtet junkies, aber so ein paar hippe studenten spielen das nach und fahren damit ruhm ein, dass sich andere das illg gefaked in der gallerie ansehen, was sie in der realität nicht sehen wollen.

  2. fds sagt:

    name du hast sooooo recht!!!!!!! endlich checkts mal einer was an der ganzen scheiße so erbärmlich ist.
    die doofen und ausgelutschten bilder kann man ja auch gut ignorieren.

  3. Eva sagt:

    Das Thema hat mich sehr beschäftigt. Letztendlich geht es hier doch um die Freiheit von Kunst und gleichzeitig die Frage, ob es wirklich jedem freisteht zu entscheiden, was Kunst ist und was nicht.
    Hier meine ausformulierten Gedanken:

    http://www.milchmaedchenmonolog.de/?p=268

    Ich freu mich über Feedback.

  1. Kurz notiert: Verhandlung zum “JMStV Heroin Kids” Fall wird verschoben | Under Skull and Bones sagt:

    […] Woche berichtete ich bereits über den Fall “Heroin Kids”, bei dem ein Künstler Aufgrund des JMStVs einen Bußgeldbescheid erhielt. Eigentlich sollte […]

  2. #JMStV – Plädoyer für mehr Ehrlichkeit in der Debatte | Under Skull and Bones sagt:

    […] eine übertriebene Reaktion, aber sie sind nachvollziehbar. Die kommen nämlich durch die Angst vor Bußgeld und zu einem guten Stück auch einfach als Protest – gerade bei Kristian Köhntopp. Es ist […]

  3. Die Posse um die Bayerische Landeszentrale für neue Medien | Under Skull and Bones sagt:

    […] des Jugendschutzes, weswegen aufmerksame Leser die BLM bereits kennen als die Stelle, die gerne Bußgeld für das Veröffentlichen von Kunst […]

  4. Kurz notiert: Heroin Kids gewinnt vor Gericht | Freiheitsworte sagt:

    […] ein oder andere mag sich vielleicht noch erinnern: Der Künstler Christian Kaiser bekam von der Bayerische Landeszentrale für Neue Medien (BLM) einen Bußgeldbescheid, weil seine Kunst für Kinder und Jugendliche entwicklungsbeeinträchtigend sei – die Bilder […]

  5. Halbzeitbilanz des bayerischen Landtags aus grüner Sicht mit Ulrike Gote | Politology sagt:

    […] [69:15] Der #JMStV und das Bußgeld für die Kunst (Freiheitsworte) […]

  6. Der intransparente Jugendschutz | Piratenpartei Bayern sagt:

    […] wurde in Bayern zum Beispiel versucht, die Kunst zu zensieren und mit Busgeldern aus dem Netz zu werfen, was an unserem Grundgesetz […]

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