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Jan
27

Wie sieht der Journalismus in der Zukunft aus?

Annalee Newitz hat auf dem 27C3 einen Talk über die Zukunft des Journalismus gehalten. Unter dem Titel „Three jobs that journalist will do in 2050“ wagte sie eine Vorhersage, welche konkreten Aufgaben und Tätigkeiten Journalisten in Zukunft ausführen werden. Annalee selbst arbeitet bei io9 als Autorin. Ich fand den Talk sehr interessant und sehenswert, weswegen ich ihn nicht nur gerne verbreite sondern mir auch die Mühe gemacht habe, ihn zusammenzufassen. Am Ende werde ich noch ein paar eigene Gedanken dazu wiedergeben.

Video

Text-Wiedergabe

Einführung

Annalee ist der Meinung, dass der Journalismus nicht wie immer wieder vorhergesagt dem Tode geweiht ist. Zwar haben in den USA bereits einige Journalisten ihren Job in den klassischen Medien verloren und haben bisher nicht immer einen Arbeitsplatz in den Neuen Medien gefunden. Den Begriff „Neue Medien“ findet sie allerdings sehr irreführend, da die „Neuen Medien“ ihrer Meinung nach nichts weiter sind als eine Weiterführung der Alten Medien.

Um ein gemeinsames Begriffsverständnis herzustellen stellt Annalee eine Definition des Begriffes „Journalismus“ vor. Ihre Definition ist eine Zusammenfassung der Definition des Buches „The Elements of Journalism“:

Journalism brings truthful information and conscientious analysis to the public, so that individuals can make informed decisions about their lives and communities. It is an indepedent monitor of power.

Sie hält fest, dass Journalismus nicht immer nur das reine Verbreiten von Informationen ist, sondern dass das Analysieren, Bewerten und Vermengen mit der eigenen Sichtweise und Meinung schon immer Teil des Berufbildes war. Dies wird sich auch in Zukunft nicht ändern.

Job 1: Hacker Journalist (Developer Journalist)

3 HackerHacker als Journalisten?
(Bild: José Goulão / CC-BY-SA)

Hacker Journalisten sind Menschen die Software entwickeln um Nachrichten zu analysieren und anzuzeigen. Als ein Beispiel führt sie Kevin Poulsen an, der im Jahre 2006 ein Pearlscript schrieb, dass Myspace nach bekannten Sexualstraftätern durchsuchte, da es Gerüchte gab, dass diese auf Myspace gezielt Kinder ansprechen würden. Er fand einige verurteilte Sexualstraftäter wovon einer seinen Myspace tatsächlich dafür verwendetete um Kinder anzusprechen.

Ein anderes Beispiel ist für Annalee eine Plattform, die bei einem Erdbeben auf Haiti gemeldete Einstürze und Versorgungsmöglichkeiten darstellte. Die Eingaben konnten entweder über das Web, per Mail oder SMS erfolgen. Ihrer Meinung nach ist das Erstellen der Karte, das Schreiben der entsprechenden Software sowie das Bewerten der eingehenden Daten „Hacker Journalismus“. Man sollte hier auch bedenken, dass die Karte der Öffentlichkeit keine nutzvollen Informationen bereitgestellt hätte, wenn nicht jemand die eingehenden Nachrichten interpretiert und gefiltert hätte.

Es ist ihrer Meinung daher falsch zu behaupten Crowdsourcing mache den Journalismus überflüssig oder würde ihn ersetzen. Informationen aus der Crowd müssen immer noch von jemandem auf Wahrheitsgehalt geprüft und bewertet werden. Die Annahme, dass man in Zukunft keine Editors (Herausgeber und Redakteure) benötigt ist daher falsch, aber das typische Berufsbild werde sich stark ändern.

Job 2: Datamining Reporter

Hand die aus Matrix Monitor gestreckt wirdDatenanalyse als Journalismus?
(Bild: Don Hankins / CC-BY)

Diese Journalismusform hat einiges mit dem Hacker Journalist gemein. Während allerdings beim Hacker Journalist der Fokus auf das Entwickeln der benötigten Software liegt, ist es die Aufgabe des Data-Mining Reporter vorhandene Daten zu analysieren.

Als Beispiel für diese Form von Journalismus führt Annalee den „Flash Crash“ an, bei dem die Preise für Flashspeicherbausteine kurzfristig in sich zusammengebrochen sind. Einige Zeit lang, wusste keiner so wirklich, warum das passiert war. Während die meisten Analysten Börsenbewegungen bisher nur mit Daten eines Sekundenrasters analysierten, hat eine Firma dies mit millisekundengenauen Daten gemacht.

Wenn man sich die Daten auf diesem Level genau ansieht, kann man komische dreiecksförmige Handelsbewegungen, möglicherweise hervorgerufen durch Handelsroboter, erkennen. Diese Dreiecke sind allerdings nur ein erstes Indiz dafür, woher diese Schwankungen genau kommen und damit nur der Startpunkt einer Story, die mit „klassischem, investigativem Journalismus“ vergleichbar ist. Man sollte hier im Auge behalten, dass es sich hier um ein relevantes Thema handelt. Schließlich gibt es Zeitungen die sich nur mit dem Thema Börsenkurse und der Frage, was sie beeinflusst, beschäftigen.

Ein anderes Beispiel für Datamining Journalismus ist für sie eindeutig Wikileaks. Wikileaks hat sich ebenfalls darauf spezialisiert riesige Mengen an Daten zur Verfügung zu stellen und zu analysieren. Annalee hält fest, dass sie es merkwürdig findet, das Wikileaks für das „Collateral Murder“ Video so viel Kritik bekam. Vor allem der Vorwurf, das Wikileaks dabei nicht „neutral“ war ist für sie ein unpassender Vorwurf, da es ja, wie bereits gesagt, auch Aufgabe des Journalismus ist, Informationen auf diese Art und Weise zu bewerten.

Job 3: „crowd-engineer“ Journalismus

Hand die aus Matrix Monitor gestreckt wirdSchwarmintelligenz als Journalismus?
(Bild: zen / CC-BY-NC-SA)

Bei dieser Form von Journalismus werden die Meinungen und Informationen von einer großen Menge an Personen durch den Journalist organisiert und analysiert. Als Beispiel führt sie reddit an. Reddit ist ein Service, bei dem User einzelne Artikel des World Wide Webs bewerten und empfehlen können. Aus diesen Bewertungen werden dann Leselisten für andere erstellt. Die Crowd wird dadurch zum Chefredakteur für andere Menschen. Die große Herausforderung des crowd engineer ist dabei, den perfekten Algorithmus zu finden um die einzelnen Informationen aus der crowd zu bewerten und zu gewichten um so für den Konsumenten das Beste herauszuholen.

Ein anderer Form dieser Journalismusart ist das Moderieren von Kommentaren auf Internetplattformen. Sie führt an, dass es die Aufgabe eines Journalisten auf Ihrer Newsseite ist, die Kommentare auszuwählen, die jeder Besucher ohne weiteres klicken sehen kann. Durch dieses Recht auf Auswahl haben Moderatoren die Möglichkeit, die Sichtweise auf ein Thema zu verändern. Sie legen fest, was innerhalb dieses sozialen Netzwerkes angemessen ist. Es ist auch Teil des Journalismus die Menschen darüber zu informieren, was andere Menschen denken und was aktzeptierte Sozialverhalten sind, damit der einzelne angemessen in der Gruppe agieren kann.

Zusammenfassung:

Bild von Günter WallrafSkandal-Journalist: Günter Wallraff
(Bild: Dein Freund der Baum / CC-BY-SA)

Annalee führt aus, dass sie ihrer Meinung nach die Zukunft relativ präzise umschreibt und führt als Grund an, dass alle drei vorgestellten Journalismustypen eine Entsprechung in der Geschichte des Journalismus besitzen.

So ähnelt der Typ „Hacker Journalisten“ den ersten Pressefotographen. Im Zeitraum des amerikanischen Bürgerkrieges war Fotographie eine Technik, die nur schwer zu beherrschen war. Ein Mathew Brady entschied sich als Erster, über den Krieg mit Fotografien zu berichten und schaffte durch die Anwendung dieser neuen Technologie eine dauerhafte Veränderung des Journalismus. Genau das ist es, was Hacker Journalisten ihrer Meinung nach ausmachen wird: Sie verwenden die neuen Technologien um den Journalismus weiterzuentwickeln.

Der Data-Mining Journalismus ist vergleichbar mit dem „Skandal“ Journalismus. Sie erzählt eine Geschichte aus dem 19 Jahrhundert, bei der eine Journalistin sich in ein Irrenhaus einweisen lies um über die Zustände dort zu berichten. In Deutschland dürfte einer der bekanntesten Vertreters dieses investigativen Journalismus wohl Günter Wallraff sein.

Crowd engineers sind vergleichbar mit Journalisten die Umfragen erstellten und darüber berichteten. Beispiel ist hier die Umfrageberichterstattung bei der Sonntagsfrage. Sie sind ebenfalls vergleichbar mit dem Redakteur, der die Leserreaktionen auswertet um herauszufinden welche Themen die Menschen gerade interessieren.

Annalee stellt fest, dass der Journalismus in der Geschichte schon sehr oft tot gesagt wurde. Jedes mal, wenn der Journalismus sich durch neue Ideen oder Technologie änderte, wurde über Untergang des Journalismus philosophiert. So kann man feststellen, dass nicht nur die neuen Arten des Journalisten eine Vergangenheit haben, sondern das auch die Angst, dass der Journalismus dem Exitus entgegen sieht, geschichtlich nichts Neues ist. Doch der Journalismus wird nicht sterben, da das Verbreiten von sachlichen Informationen und subjektiven Meinungen immer von Nöten ist. Anders wird es für Gemeinschaften und Individuen schwierig, fundierte Entscheidungen treffen zu können.

Fragen und Antworten:

Wie sieht die Zukunft des gesetzlichen Schutz von Journalisten aus?

Derzeit gibt es in vielen Staaten einen Schutz von Journalisten vor Repressionen, wenn sie über Geheimnisse des Staates oder von Firmen berichten. Diese Regeln unterscheiden sich von Land zu Land. Der Journalismus wird allerdings immer internationaler. Ein gutes Beispiel ist Wikileaks, dass nur schwer einem Staat zuzuordnen ist. Von daher wird die rechtliche Situation immer schwieriger werden. Annalee erwartet einen sehr chaotischen Übergang, entweder in eine Welt, in der eine internationale Organisation wie die UN sich um die Pressefreiheit kümmert, oder in eine Welt, in dem die Schutzrechte der Journalisten nach und nach eingeschränkt werden und Journalisten wieder öfter um ihr leibliches Wohl bangen müssen.

Wie wird sich der Journalismus in Zukunft finanzieren?

Sie führt aus, dass sie über drei Jobs referierte, die Journalisten in der Zukunft annehmen können. Das Wort Job meint hier eine bezahlte Stelle. Das heißt sie geht davon aus, dass es Organisationen gibt, die die Menschen bezahlt, die diese Jobs ausführen. Auch wenn einige über Spenden finanziert werden, so gibt es doch jetzt schon viele Blogger, die von Firmen bezahlt werden. Die Finanzierung erfolgt entweder über Abo-Gebühren, Werbeeinnahmen oder Spenden. Dies sei aber auch in den alten Medien bereits so.

Wie wird man in Zukunft journalistische Kompetenz/Autorität festgelegt?

Zur Zeit sei es doch so, dass eine kleine Gruppe von Menschen, welche eine kleine Anzahl von Zeitungen kontrolliert, die Leute einstellen, die auf die gleiche Schule gingen wie sie selber. Dadurch, dass diese dann in den Mainstream-Medien veröffentlichen, wird ihre Autorität/Kompetenz festgelegt. Wenn man bedenkt, dass die New York Times bereits auch schon Lügen veröffentlicht und schlechte Reporter eingestellt haben, sie aber dennoch häufig als journalistische Autorität bezeichnet wird, könnte man in Frage stellen, ob es nicht seit je her eine Glaubensfrage sei.

Viel mehr wird es auch in Zukunft so sein, dass manch integerer Journalist nicht wahrgenommen wird, weil ihm die Marketingmaschinerie im Hintergrund fehlt und mancher Schund als guter Journalismus aufgefasst werden wird.

Wie wird Crowdsourcing funktionieren bei Lokalnachrichten, vor allem in schwach besiedelten Gebieten?

Ihrer Meinung nach wird Crowd-Source Journalismus auch im Kleinen funktionieren. Denn die Menschen hätten weiterhin gerne Nachrichten aus und über die nähere Umgebung. Die Frage stellt sich nur nach der Bezahlung. Wenn der Service gut ist, könnte er sich vielleicht von alleine tragen. Wahrscheinlicher ist aber, dass es einen Crowd-Source Journalisten gibt, der mehrere Regionen beziehungsweise mehrere lokale Blogs betreut.

Benötigt es mehr Selbstkontrolle im „Neuen Journalismus“ besonders in Hinsicht auf „Leaks“?

Offenkundig ist es doch so, dass es nicht gut ist, wenn man die Gesundheitsakten seiner Stadt auf seinem Blog veröffentlicht. Aber wenn es sich um eine Information handelt, die für eine größere Gruppe von Menschen wirklich relevant ist – wie zum Beispiel diplomatische Depeschen – müssen sich Journalisten in den Neuen Medien die gleichen Fragen stellen wie in den bisherigen: „Sollte ich das veröffentlichen? Werden durch die Veröffentlichung Menschenleben gefährdet? Ist der Vorteil, wenn dies viele Leute wissen, es wert, andere Menschen in Gefahr zu bringen?“ Von daher ist es nicht eine Frage von mehr Selbstkontrolle sondern es gibt und gab immer schwierige Situationen in denen sich Journalisten diesen schwierigen Fragen stellen mussten. Von daher müssen auch die „neuen Journalisten“ damit leben, irgendwann Blut an ihren Händen zu haben, was unausweichlich passieren wird.

Eigene Gedanken

Wikileaks LogoWikileaks – Journalismus?

Ich finde Annalees Ausführungen schlüssig und logisch, aber irgendwie nicht umfassend. So fehlt mir die Erklärung wie „klassischer“ Journalismus in den digitalen Medien aussehen wird. Es fehlt mir, was beispielsweise mit Spiegelfechter und Co. passieren wird. Auch kommt mir die wichtige Frage, wie denn Journalismus in Zukunft entlohnt wird, zu kurz. Natürlich ist es interessant darüber nachzudenken, welche neuen Formen von Journalimus entstehen, aber auch in Zukunft wird es Leute benötigen, die schreiben können und eine wichtige Frage die man sich heute stellen muss ist, wie diese in Zukunft ihre Brötchen auf den Tisch bekommen. Spenden und Werbeeinnahmen werden nur dann reichen, wenn mehr Menschen bereit sind, auch für guten Inhalt zu spenden. Werbeeinnahmen im Internet werden auch nur dann funktionieren, wenn mehr Menschen auf die Werbung reagieren. Im Netz wird man meist nicht nur für Einblendungen, sondern auch für Klicks oder Vermittlungen bezahlt. Es fehlt auch der Aspekt, dass durch die massiv senkenden Kosten für das Veröffentlichen den Medienkonzernen natürlich eine Konkurrenz entspringt, die aus Enthusiasmus und damit kostenlos über ein Thema berichtet. Eine Antwort auf diese Frage wird allerdings bald zu finden sein.

Sehr aufschlussreich, treffend und zielführend finde ich ihre Definition des Journalismus. Wenn man nach dieser geht, ist Wikileaks definitiv Journalismus. Diese Ansicht ist nicht selbstverständlich. So scheinen sich ja zum Beispiel die Grünen da nicht so ganz sicher zu sein. Zumindest trauten sich die bekannten Grünen hier nicht, Stellung zu beziehen. Die Definition zeigt mir aber auch, dass man vielleicht die Publikative – f.k.a. Presse – nicht neu denken und definieren muss, sondern die alte Definition noch stimmt. Man muss einfach nur akzeptieren, dass durch die digitale Revolution die für alle sichtbaren teilnehmenden Menschen sich schlicht erhöht hat.

Die Konsequenz? Nun, auch wenn ich kein Post-Privacy Jünger bin, muss ich zugeben, dass das Konzept der Filtersouveränität von MSPr0 doch nicht allzu weit von der Realität entfernt zu liegen scheint. In Zukunft wird jeder mehr Möglichkeiten haben zu entscheiden, welche Quellen Ihn in welcher Form informieren dürfen – wenn wir uns diese Freiheit nicht doch noch auf dem Weg in diese Zukunft nehmen lassen!

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2 Pings

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