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Feb
03

Kantinengespräche: Von der Angst vor dem Terrorismus und der Angst vor dem Sterben

Fotomontage: Verbrannte, Blutende Freiheitsstatue
Sterbende Freiheit sorgt für lebende Bürger?
Bild: Willi PotterCC-BY

In meiner Arbeitsstelle gibt es neuerdings eine Kantine, in welcher man für wenig Geld viel und sehr gutes Essen beziehen kann. Das neue Angebot wird gerne von uns Mitarbeitern angenommen, was den schönen Effekt hat, dass jetzt alle gemeinsam essen. Warum ich das euch davon berichte? Nun beim Essen kommt man ins Gespräch, wobei ich mich natürlich gerne über Politik unterhalte.

Neulich erzählte ich vom neuen Überwachungsstaatsgesetz in RLP, dass der Polizei erlaubt heimlich und nahezu unkontrolliert Computer auszuspionieren und dem Staat das Handynetz einfach abzuschalten, weil – i am not kidding – es ja sein könnte, dass eine Bombe über das Handynetz ferngezündet wird. Nach dem ich mich polemisch darüber lustig gemacht habe, entwickelte sich ein Dialog mit einem Arbeitskollegen, der Ihn offenkundig ins Grübeln brachte:

Kollege: »Sagmal, hast du etwa keine Angst? Und sind dir Menschenleben wirklich so wenig Wert?«

Ich: »Natürlich habe ich Angst. Ich habe ständig Angst. Ich habe Angst davor, dass mein Internet nicht funktioniert. Ich habe Angst davor, dass meine Freundin mich verlässt. Ich habe Angst davor, dass einer der verrückten Bamberger Autofahrer mich eines Tages platt fährt. Ich habe Angst davor, aufgrund meines Lebenswandels einen Herzinfarkt zu erleiden. Ich habe Angst vor vielen Dingen in vielen Situationen in meinem Leben. Nur habe ich gelernt, dass Angst meist ein schlechter Berater ist. Ich habe gelernt, dass es niemals gut ist aus Angst vor dem Leben das Leben zu vergessen. Oder um es mit etwas literarischeren Worten zu sagen: Ich ging in die Wälder, denn ich wollte leben; intensiv leben wollte ich. Das Mark des Lebens in mich aufsaugen, um alles auszurotten was nicht Leben war. Damit ich in der Todesstunde nicht inne würde, dass ich gar nicht gelebt hatte.«

Kollege: »Du kannst also Nachts ruhig schlafen, wenn Menschen in Gefahr sind und sterben?«

Ich: »Das er starb ist noch lange keine Beweis dafür, dass er gelebt hätte. Die Frage ist übrigens doch eher rhetorisch, oder? Schläfst du denn in keiner Nacht ruhig?«

Kollege: »Wie meinst du das jetzt?«

Ich: »Das Leben vieler Menschen ist ständig in Gefahr. Nach den Terroranschlägen in Amerika haben viele Menschen aus Angst auf das Fliegen verzichtet und sind mit dem Auto gereist. Mittlerweile sind an dem höheren Verkehrsaufkommen auf den Straßen mehr gestorben als in den Türmen. Aber wenn du mich fragst, welche Angst mich Nachts hin und wieder nicht schlafen lässt, dann ist es die Angst vor unserer Politik. Sie ist obskur. Wir schaffen unsere Freiheiten, wir schaffen unseren way of life ab, um unser Leben zu erhalten. Ohne Freiheiten sind wir aber alle nur Roboter. Ohne Freiheiten erlebt man nicht. Und Leben ohne Erleben ist vegetieren. Wenn du es also genau wissen willst: Die Angst vor dem Vegetieren lässt mich Nachts nicht schlafen.«

Kollege: »Aber Erleben geht ohne Leben nicht!«

Ich: »Richtig, aber anders herum eben auch nicht – zumindest für mich. Betrachte es doch mal anders: Da faseln die immer davon, dass man sich vom Extremismus nicht die freiheitlich demokratische Grundordnung nehmen lässt und schafft sie aber zum Schutz von Leib und Leben selber ab. Bemerkst du diese Bigotterie nicht? Da werden Bahnhöfe gesperrt und Koffer in die Luft gesprengt, weil den einer vergessen hat! Ich warte ja auf den Tag, an dem die Politiker anfangen unsere Bahnhöfe, Parlamente und was weiß ich in die Luft zu sprengen. Getreu nach dem Motto: Was wir gesprengt haben, können die bösen Islamisten ja nicht mehr erwischen.«

(Gelächter)

Ich: »Ihr lacht, aber genau das passiert hier. Aus Angst davor, dass die uns die Freiheit nehmen und uns diktieren was wir tun nehmen wir uns die Freiheit einfach selbst. Die Sicherheitspolitiker sind dabei unsere eigentlichen Schlächter. Genau die führen uns wie die Lämmer zur Schlachtbank. Und wir lassen das mit uns machen. … Allerdings sind unsere Ängste so verschieden nicht.«

Kollege: »Sind sie nicht?«

Ich: »Wir beide haben Angst vor dem Tod. Du hast Angst davor, dass Terroristen dir dein Leben nehmen. Ich habe Angst davor, dass Terroristen mir mein Leben nehmen. Nur definieren wir Leben und vielleicht auch Terrorismus unterschiedlich. Während es dir darauf ankommt, sicherzustellen dass dein Herz auf alle Fälle weiter schlägt geht es mir darum sicher zu stellen, dass es einen Grund hat weiter zu schlagen. Dass es die Möglichkeit hat, sich an Dingen zu erfreuen. Denn ohne diese Möglichkeit, die ich am Ende dann auch nutze, lohnt es sich doch gar nicht, dass es schlägt. Ich bin sozusagen schon tot. Man kann eben auf viele Arten sterben.«

Kollege: »Hmm.«

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1 Kommentar

2 Pings

  1. Silencer sagt:

    sehr schön…i am alive…kannst du mich spüren…

  1. Kantinengespräche: Von der Angst vor dem Terrorismus und der Angst vor dem Sterben | Flaschenpost sagt:

    […] Ein Gastbeitrag von Benjamin Stöcker. Sterbende Freiheit sorgt für lebende Bürger? Bild: Willi Potter – CC-BY […]

  2. Innenminister von NRW gibt den Affen – ein Rant | Under Skull and Bones sagt:

    […] bin ich froh, dass wir eine Verfassung haben, ansonsten bekäme ich jetzt Angst um mein Leben, denn seine Vorstellung von Sicherheit wäre mein Tod.. Gut, solange ich noch lebe bete ich mal für Neuwahlen in NRW, so unwahrscheinlich sind die ja […]

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