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Feb
09

Von der Sucht zum Wohlstand und der richtigen Therapie

Mann der viele Zigaretten gleichzeitig raucht
Die Sucht nach dem Rausch treibt uns an
Bild: pimpdisclosureCC-BY-NC-SA

Als Droge werden umgangssprachlich Substanzen und Zubereitungen bezeichnet, deren Einnahme primär mit dem Ziel der Herbeiführung eines Rauschzustandes beziehungsweise erheblich veränderten Bewusstseinszustandes erfolgt. (Quelle: Wikipedia).

Wenn man einer Droge anheim fällt spricht der Volksmund auch gerne von “Sucht”. Gut, in der Wissenschaft spricht man lieber von Abhängigkeitssyndrom, aber wir wollen heute mal fünf gerade sein lassen. Wichtig ist festzustellen, dass Sucht immer auf die gleiche Weise entsteht: Ein Umstand, Zustand oder eine Substanz setzt im Gehirn des Subjektes im erhöhten Maße Glückshormone – meist Dopamin und Endorphine – frei. Dies führt beim Subjekt zu einem gesteigerten Wohlbefinden oder gar zur Euphorie.

Das ist allerdings stets von begrenzter Dauer. Der Körper gleicht den Glückszustand meist durch eine anschließende Unterproduktion aus. Man fällt in ein “Loch”. Wiederholt man die Ursache der Hormonausschüttung öfter, gewöhnt sich das Gehirn in der Regel an das Level der rauscherzeugenden Substanz und man muss die Dosis erhöhen um die gleiche Menge an Glückshormonen für einen euphorischen Zustand zu erhalten. Es gibt sogar Untersuchungen, die darauf hindeuten, dass das Glück konstant ist. Die Hirnforschung deutet darauf hin, dass der Körper in einem Zeitraum nur eine feste Menge an Glückshormonen produzieren kann. Zwar können wir kurzfristig die Ausschüttung erhöhen, aber dafür findet danach eine Unterproduktion statt. Der Durchschnitt ist sozusagen konstant. Den Effekt kann man an Nikotinabhängigen nachweisen, welche die Zufuhr von Nikotin benötigen um Glückshormone im Gehirn auf ein Maß anzuheben, dass bei Nichtrauchern normal ist.

Eine dauerhafte Erhöhung der produzierten Glückshormone ist allenfalls langfristig möglich. Psychopharmaka wird so eine Wirkung zugeschrieben, wenn man sie gegen eine krankhafte Unterversorgung von Glückshormonen einsetzt. Es gibt allerdings auch Untersuchungen, die nahelegen, dass wir uns an unser durchschnittliches Glückshormonlevel gewöhnen. Es mag jetzt für einige deprimierend sein, aber unser die Daten und Untersuchungen deuten auf eines hin: Unser Rausch – oder unser Glück – ist durchschnittlich konstant.

Faszinierend im Zusammenhang mit dem Rausch ist dann auch, dass sich das Gehirn “merkt”, was den Rausch verursacht hat. Versetzt man sich öfters auf die gleiche Art und Weise in einen Rauschzustand, kann es passieren, dass sich unsere Neuronen im Gehirn neu ausrichten. Man lernt sozusagen, wie der Rausch entsteht. Dieses Anlernen sorgt dann sogar dafür, dass bereits Vorbereitungshandlungen einen kleinen Rausch auslösen können. Manche nennen das Vorfreude, andere Klassische Konditionierung.

Das vermehrte Ausschütten von Glückshormonen ist in unserem Leben etwas alltägliches. Es brachte uns einen evolutionären Vorteil, es sicherte unser Überleben. Glückshormone werden ausgeschüttet wenn wir essen, wenn wir uns paaren, durch Sonneneinwirkung und bei sozialer Anerkennung. Das ist alles unabdingbar oder zumindest von Vorteil für den Fortbestand der Spezies Mensch oder das eigene Überleben. Wahrscheinlich ist der Rausch der Hauptgrund, warum die Menschheit noch existiert und überhaupt überlebensfähig war. Der Nachteil den wir dadurch haben: Wir sind genetisch zum Streben nach Glück verdammt. Wir sind sozusagen süchtig nach der Sucht.

Warum ich mit euch jetzt diesen kleinen gedanklichen Exkurs in die Hirnchemie, Biologie und Psychologie mache? Nun, weil es faszinierend ist, wie leicht und überzeugend man hier Analogien in der Soziologie und Ökonomie finden kann. Peter Kruse ist zum Beispiel dadurch bekannt geworden, dass er die wissenschaftliche Erkenntnisse über das Gehirn auf Firmen überträgt. Die Interviews mit ihm auf YouTube sind es wert, dass jeder sie verinnerlicht.

Machen wir mal eine volkswirtschaftliche Betrachtung: Kurzfristig sollte die Wirtschaftsleistung oder der Wohlstand (das Glück), genauer gesagt die produzierten Waren und Dienstleistungen in einem Land konstant sein. Jeder einzelne (die Neuronen) im System erhält Anteil am Wohlstand und versucht diesen stetig zu halten oder gar zu erhöhen. Er ist sozusagen süchtig danach. Wenn man den Anteil an der Wirtschaftsleistung in Geld und Einfluss “misst”, kann man ganz schnell das Spiel der Kräfte, dass sich in der Welt abspielt, erklären und oft auch vorhersehen.

Beispiele gefällig? Nehmen wir die Musikindustrie. Die Musikindustrie bekommt sicherlich einen überdurchschnittlichen Anteil des Wohlstands ab. Derzeit findet allerdings eine technische Revolution statt, die der Musikindustrie zumindest einen Teil ihres Anteils am Wohlstand nimmt und diesen neu im System verteilt. An Künstler, an Provider oder an sonst wen. Die Labels bekommen also – zumindest mit dem alten Geschäftsmodell – weniger von der Droge ab und es passiert genau dass, was bei jedem Süchtigen in so einer Situation passiert: Es entstehen Entzugserscheinungen, die Schmerzen verursachen. Man versucht sich den Nachschub an Stoff mit aller Gewalt zu sichern. Da wird gerne auch mal sehr phantasievoll argumentiert – wenn nicht gar bewusst gelogen.

Noch ein Beispiel? Verlage! Diesen steht – bei sturer Beibehaltung des Geschäftsmodells – auch ein Wohlstandsverlust ins Haus. Wenn man sich die Zukunft des Journalismus anschaut bemerkt man, dass vor allem die Wertschöpfung, die üblicherweise Redaktionen übernehmen, starken Veränderungen unterliegt. Crowd-Sourcing und Automatisierung werden hier menschliche Arbeit zunehmend ersetzen, ähnlich wie es die Automatisierung in der Industrie tat. Wie ist die Reaktion eines Süchtigen auf den drohenden Stoff-Entzug? Richtig, phantasievolle Argumentation um das weitere Recht an Drogennachschub zu begründen. Die nennen das halt diesmal Leistungsschutzrecht, klingt halt viel besser. Am liebsten wäre es ihnen, andere würden schon für das Verlinken ihrer Inhalte bezahlen. Um ihren Anteil zu sichern, treiben sie Webseiten aus dem Netz, die einfach nur Links zu Artikeln sammeln. Ja, das Verhalten ist irrsinnig. Aber was tut man nicht alles für den schnellen Kick? Ganz normales Verhalten von Süchtigen, denen man mit dem Entzug der Droge droht.

Kommen wir doch mal zu einem Beispiel aus der Politik. Da sprach mal eine Familienministerin davon, dass kinderpornographische Bilder unbedarfte Betrachter anfixen würden. Meiner Meinung nach zeigt es schon deutlich, welches Menschenbild diese Frau besitzt, wenn sie davon ausgeht, dass die Mehrheit der (männlichen) Menschen Glück empfindet, wenn Kindern Leid angetan wird. Denn Glücksempfinden ist ja notwendig für die unterstellte Suchtgefahr. Ich persönlich hoffe nicht, dass die Ministerin von sich auf andere schloss. Dass sich die Gesellschaft dann allerdings mit aller Gewalt gegen dieses Zensursystem wehrte, welches natürlich durch die irrsinnige Argumentation der Ministerin nicht sinniger oder gar notwendiger wurde, kann man als kollektives Bewusstsein gegenüber den Suchtpotentialen des staatlichen Zugriffs auf das Internet bezeichnen. Die Deutschen haben Angst davor, dass sich der Staat den Goldenen Schuss gibt. Wer diese Gefahr von der Hand weist, muss schon sehr staatsgläubig sein.

Was uns dieses Gedankenspiel bringt? Nun, natürlich erst einmal eröffnen wir einen neuen Blick auf die Welt, andererseits weiß man sehr gut, wie man Süchtige behandelt. Langsame Entwöhnung durch Ersatzdroge – am besten bei veränderten Verhaltensmustern – oder eiskalter kalter Entzug. Macht man das nicht, muss man dauerhaft die Droge zur Verfügung stellen, nicht wahr? Bei den Verlagen scheint mir der kalte Entzug sinnvoll: Man lehnt das Leistungsschutzrecht ab und ändert – durch Gesetze oder öffentlichen Druck – die Vertragspraxis gegenüber freien Journalisten. Diese müssen nämlich in der Regel alle Verwertungsrechte an Artikeln abtreten. Und dann lässt man den Dingen ihren Lauf. Ja sicherlich wird das schmerzhaft werden, aber kein Entzug ist einfach.

Die Musikindustrie hingegen hängt bereits an einer stärkeren Substanz. Vielleicht ist hier eine Behandlung mit einer Ersatz-Droge sinnvoll, um den Übergang zu ermöglichen. Dabei sollte man dann aber ehrlich sein und – ganz transparent – mit Steuermitteln subventionieren, so wie man das beim Kohlebergbau lange Zeit tat und noch tut. Die bisherigen Versuche mit gesetzlichen Regelungen zu subventionieren, gleichen eher der Erlaubnis und Förderung von Beschaffungskriminaltität. Auf Dauer ist das nicht hinnehmbar und das wird sich auch die Politik früher oder später eingestehen müssen. Und wenn sich die Musikindustrie nicht behandeln lassen will, dann kann man ihr ja ganz deutlich zeigen, wie das Ziel und damit ihr kalter Entzug so aussieht. Zuckerbrot und Peitsche, sozusagen.

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  1. Die Posse um die BLM – Teil 3 | Under Skull and Bones sagt:

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