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Feb
15

Studien zur Jugend im Netz und 5 daraus folgende Thesen zum Jugendschutz

Bild von Kind mit Bierflasche
Wie funktioniert effektiver Jugendschutz?
Bild: a4gpaCC-BY-SA

Eigentlich soll man ja keiner Studie trauen, die man nicht selbst gefälscht hat. Allerdings ist es hin und wieder dann doch gut, wenn man sich ein paar Zahlen ansieht und versucht aus ihnen Schlussfolgerungen zu ziehen. Der medienpädagogische Forschungsverbund Südwest gab neulich eine Pressemitteilung zu den ersten Ergebnisse der KIM-Studie 2010 heraus. In dieser Studie – die leider für die Öffentlichkeit erst Ende Februar verfügbar sein wird – wurden Kinder bis 13 Jahren und ihre Erziehungsberechtigten zu ihrem Surf-Verhalten befragt.

Eine unglaubliche Mehrheit (81%) der Eltern ist sich bewusst, dass im Internet Gefahren lauern. Als Folge installieren allerdings nur 14% der Eltern eine Filtersoftware auf dem PC, während eine gewaltige Mehrheit von 59% der Eltern ihre Kinder beim Surfen lieber selbst beaufsichtigt. Das bei den Eltern Gefahrenbewusstsein vorhanden ist, zeigt auch die ausführliche und deutliche BITKOM Studie „Jugend 2.0“. Bei ihr gaben nur 3% der 10-12jährigen an, dass ihre Eltern sich gar nicht darum kümmern, was sie im Netz so treiben. Selbst in dieser Altersstufe seien immer noch ca. 20% der Eltern stets anwesend, während sich ihre Zöglinge im Netz bewegen. 52% der Kinder in dieser Alterststufe gaben an, nur bestimmte Seiten ansurfen zu dürfen.

Das klingt nach wenig, aber die Eltern sind erstaunlich effektiv. So haben 84% der 10-12jährigen – nach eigenen Angaben – bisher gar keine negativen Erfahrungen im Netz gemacht. Wenn man bedenkt, dass die meisten Eltern eher keine digital Natives sind, ist diese Quote schon erstaunlich hoch. Das zeigt auch, dass 0% der 10-12jährigen angaben, sexuell von Erwachsenen „angemacht“ worden zu sein. Bei den 13-15jährigen sind es „nur“ 5%. Negative Erfahrungen im Netz steigen mit dem Alter zwar allgemein an, allerdings gilt dies auch für die positiven Erfahrungen, welche die Negativen stets klar überwiegen.

Auch sonst ist die BITKOM Studie extrem interessant. So halten sich 7% der 16-18jährigen für internetsüchtig, wobei 55% angaben, dass sie sich ein Leben ohne das Internet gar nicht mehr vorstellen könnten. In 92% der Fälle steht den älteren Jugendlichen dazu ein eigener Computer zur Verfügung, bei den 10-12jährigen besitzen diesen bereits 52 %. Die Wichtigkeit des Zugangs zum Netz wächst mit dem Alter stark an. Während für nur 71% der 10-12jährigen der eigene Netzzugang wichtig oder sehr wichtig ist, möchten bei den 16-18jährigen glatte 95% nur ungern auf diese Annehmlichkeit verzichten. Das Internet überholt in dieser Altersgruppe damit sogar das Bedürfnis nach „guten Schulnoten“.

Mobil surfen ist in der Jugend hingegen noch nicht so weit verbreitet. Ein modernes Handy – was für den mobilen Netzzugang unabdingbar ist – ist nur für 56% der 16-18jährigen wichtig oder sehr wichtig. Dabei ist ein Handy im Allgemeinen durch alle Altersstufen hinweg weit verbreitet (>90%). Jedoch verwenden nur 16% der 16-18jährigen ihr Handy um ins Internet zu gehen. E-Mails versenden gar nur 6% mit dem mobilen Endgerät. Als Vergleich dazu: 97% der Jugendlichen in dieser Altersstufe versenden SMS.

Interessanter für den Jugendschutz wird wieder die Verwendung des PCs nach Altersgruppen sein. So steigt bei der „liebsten Freizeitnutzung“ der Punkt „Das Internet zu nutzen“ von 19% im der Kinder im Alter von 10-12 Jahren auf 51% im der Jugendlichen im Alter von 16-18 Jahren an. Auch die Einschätzung der eigenen Computerfähigkeiten steigt rapide. Während die Jüngeren zu 69 % meinen, ihr Vater könne mit dem Computer besser umgehen als sie, ist das bei den nahezu Erwachsenen nur zu 23% der Fall. Das Internet nimmt schon in den frühen Jahren einen breiten Raum ein. So können bereits 87% der 10-12jährigen selbstständig „Ins Internet gehen“ – ich nehme an, hier ist Surfen gemeint – während klassische PC-Aufgaben wie Text und Fotobearbeitung nur ein Drittel in diesem Alter beherrschen.

Richtig interessant finde ich das 3. Kapitel der BITKOM Studie, das die Internet-Nutzung der Jugendlichen genauer beleuchtet. Während 10-12jährige eher seltener online sind, meist mehrmals die Woche, geben 75% der 16-18jährigen an, mehrmals täglich online zu sein. Die Zeit, die mit zunehmenden Alter im Internet verbracht wird, scheint vor allem vom Fernsehen und Sport abgezweigt zu werden. Die sozialen Kontakte im „realen Leben“ werden nach den Angaben der Jugendlichen kaum vernachlässigt. Gefragt nach den Tätigkeiten, welchen die Jugendlichen im Netz so nachgehen, zeigt sich deutlich, dass in allen Altersstufen das Internet für die Recherche in der Schule unerlässlich ist (76%). Auch das Konsumieren von Videos ist in allen Altersgruppen extrem beliebt (73%). Bereits 65% der 16-18jährigen informieren sich online über Nachrichten und das aktuelle Tagesgeschen auf der Welt. Das dürfte eine weit höhere Quote sein, als es Zeitschriften oder Fernsehnachrichten vermögen.

Mit zunehmendem Alter verwenden die Jugendlichen das Netz immer mehr für ihre Kommunikation. Die Verwendung von Chats und E-Mails steigt mit dem Alter an. So hängt das Chatten mit 67% Verwendung bei den 16-18jährigen das Festnetztelefonieren (61%) und das Telefonieren per Handy (52%) zur Kommunikation mit den Freunden ab. Nur SMS sind mit 74% noch weiter verbreitet.

Die Studie fragt bei den Jugendlichen auch die Wünsche ab, die sie an die Politik haben. Allerdings sind diese Daten nicht so aufschlussreich, da BITKOM – und das ist nur bei dieser Frage der Fall – auf eine Aufschlüsselung nach Alter verzichtet. Wer böse ist, könnte eine politische Motivation vermuten, sind doch die Unterschiede der einzelnen Altersbereiche sehr aufschlussreich. Über alle Altersstufen hinweg wünschen sich 58% der Jugendlichen einen besseren Schutz ihrer Daten im Netz, 49% ein legales, kostenloses downloaden von Musik und Filmen. 40% der Befragten wünschen sich besser vor Gewaltdarstellungen im Netz geschützt zu werden, ebenfalls 40% wünschen sich vor Belästigungen besser geschützt zu werden und 36% wünschen sich besseren Schutz vor sexueller Anmache. Diese Zahlen finde ich dann doch extrem faszinierend, gaben doch „nur“ 7% der Befragten an, von Gleichaltrigen und 5% von Erwachsenen (also maximal 12%) angemacht worden zu sein. Nach dem hinzugefügten Text wünschten sich vor allem Jüngere und Mädchen, besser vor Gewalt und Sexdarstellungen im Netz geschützt zu werden.

Immerhin 24% der Befragten gaben an, dass sie gerne selbst entscheiden würden, was sie im Netz sehen dürfen und was nicht. Erstaunlich finde ich auch, dass immerhin 21% eine stärkere politische Partizipation im Netz wünschen, nach Angaben im Text trifft das auf immerhin 33% der 16-18jährigen zu. Wenn man bedenkt, dass Jugendliche in der Regel nur eine geringe politische Mitbestimmung haben, zeigt die Zahl doch deutlich den Wunsch der Jugend auf, mehr politische Mitbestimmung zu erhalten.

Aus den oben genannten Zahlen folgen für mich die folgenden 5 Thesen:

These 1: Es kann keinen wirksamen Jugendschutz im Netz geben, nur wirksamen Kinderschutz.

Die Daten zeigen deutlich: Ab dem Alter von 12-14 Jahren, also mit Einsetzen der Pubertät, ändert sich das Netzverhalten massiv. Die Kommunikation und Eigenständigkeit im Netz nimmt massiv zu und die Jugendlichen können den Rechner besser bedienen als ihre Eltern. Auch wenn der Staat hier mittels JMStV versucht einzugreifen, kann man davon ausgehen, dass die Versuche eher hoffnungslos sind – sie werden zu Hause nicht durchgesetzt, es kann sogar sein, dass ein guter Teil der Eltern, ihre Kinder gar nicht so sehr Bevormunden möchte.

These 2: Die Vermittlung von Medienkompetenz muss in jungen Jahren passieren

Aus obigem folgt für mich automatisch diese Annahme. Wenn ich die Jugendlichen in der Pubertät nicht kontrollieren kann oder möchte, dann muss ich ihnen bereits vorher die nötige Kompetenz mitgeben, um vor den Gefahren im Netz gewappnet zu sein. Vor allem beim Thema Datenschutz und sexueller Belästigung müssen die Grundlagen vorhanden sein, bevor sich die Jugendlichen unweigerlich alleine ins Netz wagen. Bis zur Pubertät wachen die Eltern noch ziemlich gut über den Netzkonsum und stehen bei Problemen zur Verfügung. Angebote zur Schulung der Eltern durch Kindergärten und Grundschulen sind daher der beste Weg um die Kinder gut zu schützen.

These 3: Der Kinderschutz im Netz funktioniert bereits jetzt weit besser als viele glauben.

Für einige vielleicht sehr überraschend, aber der Kinderschutz funktioniert in Deutschland bereits sehr gut. Ein überwiegender Teil der Eltern (97%) kümmert sich um ihre Kinder beim Netzkonsum und das funktioniert scheinbar bereits so gut, dass 84% der Kinder bis 12 Jahren noch keine negativen Erfahrungen im Netz gemacht haben. Vor allem die durch die Medien viel beschworene sexuelle Belästigung der Kinder im Netz ist gar nicht messbar (0%).

These 4: Filtersoftware ist beim Kinderschutz hilfreich, aber nicht erstes Mittel

Die Studien zeigen deutlich: Filtersoftware ist für die meisten Eltern nicht Mittel der Wahl beim Kinder- und Jugendschutz, was mal wieder beweist, wie sehr der neue JMStV an den Lebensrealitäten der Eltern schlicht vorbeigegangen wäre. Vor allem wollen die Eltern selbst bestimmen, was ihre Kinder sehen dürfen und was nicht. Whitelistfilter und Empfehlungslisten könnten daher einigen Eltern unter die Arme greifen. Anstatt also kostenproduzierende Gesetze zu schreiben, sollte die Politik auf die Förderung von Vereinigungen oder Ähnlichem für entsprechende Empfehlungs-Listen und Angebote setzen. Kostensenkend kann hier der Vorschlag vom AK-Zensur wirken, dass man Crowed-Sourcing (mit)einsezt.

These 5: Jugendliche brauchen verlässliche Anlaufstellen

Die Umfrage zeigt: Die Angst vor negativen Erfahrungen übersteigt die tatsächlichen Erfahrungen um ein Vielfaches. Das heißt, obwohl viele selbst eine Erfahrung nicht gemacht haben, wünschen sie sich doch einen besseren Schutz davor. Gut, dieses diffuse Angstgefühl kann daher kommen, dass die Jugendlichen immer wieder durch Aufklärung auf die Gefahren gestoßen werden. Wie der Staat allerdings – ohne Verwendung der ägyptischen Lösung – einen besseren Schutz aufbauen soll, erschließt sich mir nicht ganz. Gegen die Angst könnten Anlaufstellen helfen, die den Jugendlichen auch bekannt sind und an die sich Jugendliche am Ende auch wenden können, wenn es wirklich mal Probleme gibt.

Was bleibt zu sagen? Nun, ich hoffe die Politik lernt aus den Studien bei einem neuen Entwurf des JMStV, denn wenn die Daten richtig sind, dann sind sie meiner Meinung nach eindeutig genug, um daraus entsprechende obige Schlüsse zu ziehen. Es bleibt nur zu hoffen, dass auch KJM und die Staatskanzlei in Rheinland-Pfalz zu Sinnen kommen.

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3 Kommentare

1 Ping

  1. Gibro sagt:

    Den Schluss von These 1. zu 2. kann ich nicht verstehen. Der 1. These würde ich 100% folgen, ich selbst habe im lezten Jahr auch 2Jugendstudien ausgewertet, und komme zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Dennoch, die Vermittlung von Medienkompetenz muss in jungen Jahren erfolgen ist falsch. Sie muss in jungen Jahren anfangen, aber sie muss weiterentwicklet werden. Dabei geht es nicht nur um die Bedienkompetenzen, sondern um die Nutzungskompetenzen, diese lassen sich, wie @codeispoetry deutlixh gemacht hat auch gut in den Unterricht integrieren. Medienkompetenz muss den Bildungsprozess begleiten, nur so ist eine positive konnotation der Mediennutzung möglich. Das Problem in der konkreten Vermittlung von Medienkompetenznist ja vielmehr der Ausgangspunkt: Das böse Internet.

    1. Benjamin Stöcker sagt:

      Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Natürlich stimmt das so nicht und man muss lebenslang lernen, aber ich wage es zu behaupten, das es schwierig wird bei Pubertierenden Bewusstsein für Gefahren zu schaffen. In der Regel wird man nur der Böse sein, denn aus Gefahren folgen ja – selbstauferlegte – Verbote und Gebote. Die Eltern verlieren Autorität, sind am Computer unfähiger als ihre Kinder – sie haben weniger Kontrolle (was ja normal ist)

      Ich denke die Grundlage in der Pubertät zu legen dürfte extrem schwierig sein, erfolgreicher wird man wohl davor und bei Freiwilligen danach sein. Ein Ansatz bei Kindern in der Schule entsprechende Grundlagen zu legen, wäre extrem vorteilhaft.

  2. Christine sagt:

    Toller Artikel und die 5 Thesen sind absolut richtig. Ohne Medien- und spziell Internetkompetenz geht meines Erachtens nach nichts. Eltern müssen ihren Kindern heute etwas beibringen, was ihnen nicht beigebracht wurde. Viele Eltern sind schlichtwegs überfordert mit der ganzen Thematik. Dabei kann sicherlich eine Filtersoftware hilfreich sein – zumindest für kleine Kinder – aber damit ist die Erziehung nicht getan. Eltern müssen sich mit den Möglichkeiten und auch den Gefahren im Internet auseinandersetzen und ihre Kinder auf dem Weg ins Netz unterstützen und begleiten.

  1. Der intransparente Jugendschutz | Piratenpartei Bayern sagt:

    […] wir beim Jugendschutz im Netz dringend angehen müssten. Ich wiederhole hier gerne nochmal meine fünf Thesen zum Jugendschutz im Netz, die sich auf mehrere Studien zu dem Thema […]

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