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Feb
24

Der Messias ohne Judas

Fotomontage von Guttenberg mit Heiligenschein Fotomontage: Der konservative Messias
Bild: Original WikipediaCC-BY

Er galt als Star des Kabinetts und nahezu sicherer soon to be Kanzler: Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg. Seit dem bekannt wurde, dass er sich bei seiner Doktorarbeit etwas zu freizügig bei fremden Quellen bediente, schreibt sich die Hauptstadtpresse an dem Fall die Finger wund. Und auch die digitale Öffentlichkeit, die sich selbst ja nur all zu gerne als digitale links libertäre Avantgarde inszeniert, hat sich auf den Baron aus Bayern Franken eingeschossen. Wer einen Schritt zurück macht und das Spektakel von der Seitenlinie betrachtet, kann die Empörung der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zwar nachvollziehen, wird aber nicht umhin kommen zu bemerken, dass bei vielen empörten Schreiberlingen bewusst oder unbewusst etwas gewichtigeres die Hand am Stift der Empörung mitführt. Karl Theodor von und zu Guttenberg ist nicht nur Ex-Doktor, Verteidigungsminister und der beliebteste Politiker Deutschland, sondern er ist der Vertreter des „New Conservatism“ in Deutschland.

Dabei schafft es Karl Theodor sich gekonnt als Mann des Volkes und als ehrliche Haut zu inszenieren. Wichtig dabei war nie sich als fehlerfrei darzustellen, sondern als integerer Mann, der zu seinen Fehlern und seinen Fehlentscheidungen steht. Durch sein gutes Aussehen und sportliches und adrettes Auftreten setzt er sich als Macher in Szene und bedient die alte Sehnsucht der Menschen nach Führung, nach jemandem der den Weg weist. Kritik oder Zweifel an der Person von Guttenberg wird dann von den Fans abgewiegelt, sie kommt von den Anderen, den linken Spinnern und ist daher immer hinterhältig und gemein. Jede Kritik wird von den Anhängern als unberechtigt zurückgewiesen und perlt deswegen an ihm ab, wie Wasser an einer Lotosblüte. Inklusive dem schönen Vorteil, dass der Schmutz gleich mit weggespült wird.

Diese Effekte weiß Karl Theodor auch gezielt zu nutzen um bei den Konservativen eigentlich unbeliebte Maßnahmen durch zu bekommen. Die Leichtigkeit mit der er die Wehrpflicht in Deutschland faktisch abschaffte und die Partei hinter sich brachte kann bei kundigen Beobachtern nur Respekt abringen. Während die Grünen, die Linke und die FDP schon seit Jahrzehnten von diesem Schritt träumen waren es stets die Konservativen, die bei dem Thema fest auf die Bremse traten. Was bei jedem anderen Mitglied der CSU als Hochverrat empfunden worden wäre, wurde von Guttenberg’s Saubermann-Image überstrahlt und als Ehrlichkeit gegenüber den bundesdeutschen Realitäten empfunden.

Die Gründe für diese Teflon-Messias-Strahlkraft liegen weit tiefer vergraben als die ach so schnöde und langweilige Tagespolitik. In letzter Zeit geriet das Weltbild und Glaubenssystem vieler Menschen ins Wanken. Vor allem der Konservativismus steckt in einer Krise, die Angela Merkel als moderne, evangelische, wissenschaftliche Frau, die sich standhaft weigert Stellung zu beziehen, nur schwerlich überwinden kann. Vor allem fehlt es ihr am gewünschten Führungsimage, das die Traditionsverbunden seit jeher wünschen. Darüber hinaus war die Bankenkrise ein Eisberg, der die Titanen Neoliberalismus und Kapitalismus stark beschädigt hat und in eine Vertrauenskrise versenkte, die selbst im bayerischen Hinterland nahezu unüberwindbar scheint. Gesteigert wird diese unsichere und leitlinienarme Umwelt noch von der Eurokrise, der Wirtschaftskrise und der gefühlten Bedrohung durch den internationalen Terrorismus.

Diese – nicht nur für Konservative – nahezu unüberschaubare Menge an wegbrechenden Ideologien und Wertesystemen machten Menschen schon immer anfällig für einen Messias, der in irgendeiner Form Leitlinien und ein gefestigtes Weltbild verspricht. Menschen sehnen sich nach Werten und Normen, die durch Ideologien vermittelt werden. Karl Theodor ist dabei offenkundig der Messias, der Jesus, der das neue Wertesystem den eigenen Reihen und weit darüber hinaus vermitteln kann. Nur so sind die überragenden Umfragewerte des Freiherrn zu erklären, die ja in der Plagiatserfähre sogar noch stiegen.

Die innere Witz an der Situation ist, dass jeglicher Versuch des links-liberalen Teils der Publikative gegen den Superstar anzuschreiben wegen dem oben genannten nicht nur zum Scheitern verurteilt ist, sondern die Effekte sogar noch befeuert, gibt man ihm die wunderbare Möglichkeit sich als verfolgter „Mann des Volkes“ darzustellen und das „Wir gegen die“ Gefühl zu nutzen und zu verfestigen. „Schmutz findet man doch bei jedem, der steht wenigstens dazu“ vernimmt man in den Kantinen dieser Republik derzeit eher als empörte Rücktrittsforderungen, wie sie von der Opposition krakelen werden.

Die Reaktionen der Opposition wirkten eh oft wie der Ausdruck des Schmerzes über die Einsicht, dass der Rock’n’Roller, der Ausnahme-Politiker dieser Generation auf der konservativen Seite des politischen Spektrums beheimatet ist, nachdem die Linken sicherlich dachten, dass nach Gerhard Schröder, Joshka Fischer und Gregor Gysi alle Superstars der deutschen Politik naturgemäß auf ihrer Seite stehen. Objektiv betrachtet sind die Rücktrittsforderungen nichts weiter als der Versuch der Römer den Messias zu kreuzigen. Derzeit gibt es aber keinen Judas im konservativen Lager, der gerne hinter dem Baron kniet damit die Opposition ordentlich schubsen kann. Und ohne Judas ist der Versuch natürlich zum grandiosen scheitern verurteilt.

Dass es keinen Judas gibt, ist nicht zuletzt auch der Tatsache geschuldet, dass der Baron bald gebraucht werden könnte. Die Machtbasis von Angela Merkel ist bereits ordentlich angegriffen. Einzig und allein ihr Talent, die potentiellen Konkurrenten in der CDU verschwinden zu lassen, zu beschädigen oder hochzubefördern hält sie noch im Sattel. Über die CSU kann sie aber naturgemäß nicht so leicht herrschen und sollten die Wahlergebnisse in diesem Jahr für die CDU so desaströs werden wie erwartet, wird Angela Merkel kaum noch zu halten sein. Kommt es sogar noch schlimmer als befürchtet, wie es in Hamburg der Fall war, ist Merkels Sturz unausweichlich.

Und so planen einige Parteistrategen sicherlich schon die Zeit nach der Regentschaft des Mädchens aus dem Osten und sie haben nur eine Option beim Kanzler-Posten und diese heißt: Karl Theodor von und zu Guttenberg. Und aus diesem Bewusstsein heraus ist es extrem unwahrscheinlich, dass jemand der es könnte für die empörte Römische Opposition den Judas macht. Für einige mag das jetzt schmerzlich zu Lesen sein, aber meiner Meinung nach ist es wahrscheinlicher, dass der adelige Erlöser der Konservativen in einem Jahr Kanzler ist, als dass er den Ruhestand auf seinem Landgut in Kulmbach genießt.

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  1. Die akademische und politische Dimension der Glaubwürdigkeit « Andis Blog sagt:

    […] geschuldet sein, dass die meisten die Dimension nicht verstehen oder es grenzt bereits an den Glauben an den Messias. Das jemand sich alles erlauben kann und trotzdem noch im Amt bleibt, kennt man in Europa bisher […]

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