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Mrz
04

Guttenberg, Piraten und der Fluch des „geistigen Eigentums“

Fotomontage von Guttenberg Kopie mit Augenklappe Fotomontage: Guttenberg – Kopie oder Pirat?
Bild: Original World Economic ForumCC-BY-SA

Karl-Theodor zu Guttenberg hat seinen Posten geräumt. Es wird Zeit, die Geschehnisse um das Plagiat seiner Doktorarbeit aufzuarbeiten. Die Frage wer ihn schließlich zu Fall brachte, wird nie zu einer einheitlichen Antwort kommen. Man kann sich aber sicher sein, dass es sich nicht um eine politische Schmutzkampagne handelte, auch wenn das seine immer noch treuen Fans gerne so hätten. Niemand hat Guttenberg etwas unterstellt, musste man auch nicht, die Fakten liegen klar und eindeutig auf dem Tisch, zusammengetragen nicht zuletzt von unzähligen Freiwilligen über das Netz.

Der selbe Menschenschlag, der sonst ohne mit der Wimper zu zucken Musik, Filme, Bücher und alles was es noch an digitalisierbarem Content gibt, einfach durch das Netz kopiert spielt nun eine Schlüsselrolle im Fall des zu forsch kopierenden Freiherr zu Guttenberg. Zur selben Zeit sind es die Apologeten des »geistigen Eigentums« in der Union, die sich plötzlich sehr unwohl fühlen, als sie ihren strahlenden Verteidigungsminister verteidigen mussten. Genau dies faszinierte anscheinend auch Khue Pham, als sie in der Zeit titelte »Er war ein Pirat«.

So paradox die Situation erscheinen mochte, so falsch ist die Überschrift von Phams Artikel. Er war alles andere als ein Pirat. Die Causa Guttenberg hat mit Filesharing, der historischen Wurzel der Piratenbewegung, nur wenig zu tun, die Texte waren zum Großteil im Netz frei verfügbar. Er kämpft weder gegen eine Bedrohung der Bürgerrechte durch Internetüberwachung, noch für einen Zugang zu verschlossenem Wissen oder verschlossener Kultur.

Dennoch hat das Plagiat eine urheberrechtliche Dimension. Nach derzeitigem Recht hat sich Guttenberg sehr wahrscheinlich einer Urheberrechtsverletzung schuldig gemacht, da beißt die Maus keinen Faden ab. In einem vergleichbaren Fall in der CDU gab es vor etwa einem Jahr deshalb einen Strafbefehl über 90 Tagessätze. Das Vorgehen des Plagiators, sich mit fremden Federn schmücken, wird aber selbst von Piraten äußerst kritisch betrachtet. Das zeigt sich auch darin, dass viele freie Lizenzmodelle, wie z.B. Creative Commons, auch immer noch eine Namensnennung vorsehen.

Vielleicht wird Guttenberg aber auch nur missverstanden. Hat er sich nicht einfach nur der Kulturtechnik des Remixens bedient? Ähnlich war es damals, als im Roman »Axolotl Roadkill« der Jungautorin Helene Hegemann plagiierte Stellen gefunden wurden. Hier war die Frage, ob es sich um einen redlichen kreativen Prozess handelte, durchaus umstritten. Freilich war der Umfang des Abkupferns nicht vergleichbar, aber diesen Punkt hätte man Guttenberg wahrscheinlich noch verzeihen können.

Der urheberrechtliche Aspekt der ganzen Frage ist also sicher interessant, aber reicht eigentlich nicht aus, um einen solchen Druck auszulösen. Das entscheidende Fehlverhalten leistete sich der Freiherr, als er sein kreatives Werk als Doktorarbeit einreichte und es damit zu einer wissenschaftlichen Leistung erklärte. Ein Doktorand muss sich beweisen, indem er mit seiner eigenen Leistung zum wissenschaftlichen Diskurs beiträgt. Wissenschaftliche Arbeit hat durchaus etwas vom Remix, da man immer auf der Arbeit anderer aufbaut. Wenn man das aber tut, dann darf man diese nicht nur wiedergeben, sondern muss sie aktiv reflektieren. Deswegen gibt es klare Regeln, wie wissenschaftliches Arbeiten abläuft.

Guttenberg hat diese Regeln gebrochen, mit einer schier unglaublichen Dreistigkeit. Er hat alle ehrlichen Wissenschaftler betrogen, die versuchen ihren Teil zum Fortschritt beizutragen. An dieser Stelle ist er vielleicht noch eher mit einem gedopten Profisportler vergleichbar, als mit einem Pirat. Sowohl der Plagiator als auch der Dopingsünder verletzen die Regeln, beide machen es aus purem Eigennutz und beide schädigen damit die ehrlichen Kollegen. Beide sind damit nichts anderes als schnöde Betrüger.

Nun mag man sich fragen, woher die immer noch grassierende Schlussfolgerung kommt, Guttenberg sei ein Pirat oder ein Remixer. Der Grund liegt darin, dass die Diskussion über Immaterialgüterrechte seit langer Zeit auf einem Niveau geführt wird, das mit Sachlichkeit nichts mehr zu tun hat. Zentraler Aspekt dieses Problems, ist der Begriff des »geistigen Eigentums«.

Der Philosoph Karl Popper sagte einmal: »Alle Menschen sind Philosophen. Auch wenn sie sich nicht bewusst sind philosophische Probleme zu haben, so haben sie doch jedenfalls philosophische Vorurteile. Die meisten davon sind Theorien, die sie als selbstverständlich akzeptieren: Sie haben sie aus ihrer geistigen Umwelt oder aus der Tradition übernommen.«

Ein solches philosophisches Vorurteil ist »geistiges Eigentum«. Nicht nur, dass die Parallele mit dem echten, stofflichen Eigentum spätestens mit dem Aufkommen des Internets als Fehlschluss gelten muss, die Vermischung vollkommen unterschiedlicher Sachverhalte in einen solchen Kampfbegriff macht eine ernsthafte Debatte auch nahezu unmöglich. Das Urheberrecht für künstlerische Werke, Patente für technische Erfindung, Marken und Geschmacksmuster und neuerdings auch wissenschaftliche Leistungen, alles wird erst einmal in den Begriff hineingepresst.

Mit der Verquickung dieser Sachverhalte, mit der Gleichsetzung von Filesharing mit Produktfälschungen und Plagiaten, erstickt die Content-Industrie seit Jahren jede sachliche Diskussion mit dem Unargument, die »Generation Kostenlos« sei moralisch verkommen und wolle sowieso nur alles umsonst. Der Fall Guttenberg zeigt dabei allerdings – dieser Schlussfolgerung von Khue Pham kann man wiederum durchaus zustimmen – dass die Netzgeneration durchaus Werte hat, für die sie vehement eintritt und die denen der »Offliner« gar nicht so unähnlich sind.

Stattdessen steckt im Handeln der Piraten – seien es die Parteipiraten oder die parteilosen Filesharer – bewusst oder unbewusst eine differenzierte Betrachtungsweise der Dinge. Sie können sehr wohl zwischen Privatkopie, Plagiat oder Diebstahl unterscheiden. Peter Mühlbauer hat den Fall Guttenberg auf Telepolis als Gelegenheit zum Aufräumen bezeichnet. Dieser Einschätzung kann man sich durchaus anschließen. Der erste Schritt ist dabei allerdings, dass man genau diese erwähnte differenzierte Betrachtungsweise an den Tag legt und endlich aufhört gleichmacherische Kampfbegriffe wie »geistiges Eigentum« zu verwenden.

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2 Kommentare

1 Ping

  1. Fred Meier sagt:

    Die Leute scheinen verlernt zu haben wie man richtig abstrahiert. Alleine die ganzen Vergleiche mit Abschreiben in der Mathearbeit und Guttenbergs Dissertation haben mir die Haare zu Berge stehen lassen. Bei sowas versteht man seine Mitmenschen dann ein Stück besser – glücklich macht es einen leider nicht.

  2. Alex sagt:

    KTFhrvuzGuttenberg ist nicht durch das Plagiat nicht mehr tragbar gewesen (aus meiner Sicht) es war (ist) vielmehr sein Verhalten und Auftreten. Jeder macht Fehler. Keine Frage. Aber seine Erklaerungen waren wie „Neues aus Entenhausen“. Eine Zumutung fuer aufgeklaerte Buerger der BRD. (Sofern das vorstellbar ist).
    Ich befuerchte allerdings er kommt tatsaechlich zurueck in die Politik. Ich vermute jedoch eine neue Partei. Tea-Party Germany..

    Alex-UK

  1. Guttenberg, Piraten und der Fluch des “geistigen Eigentums” « Andis Blog sagt:

    […] Gedanken hier schon verarbeitet habe, habe ich mich sponten entschlossen, den als Gastbeitrag auf freiheitsworte.de einzustellen. Get it while it’s […]

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