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Mrz
30

Die Haupstadtjournalisten und der Regierungssprecher – oder warum Twitter böse ist

Bild von Steffen Seibert Der twitternde Regierungssprecher
Bild: WhukeCC-BY-SA

Steffen Seibert ist nicht mehr ganz jung, gutaussehend, ehemaliger Heute-Moderator, Leiter der Pressestelle der Bundesregierung und – Twitterer. Wir haben also einen ehemaligen öffentlich-rechtlichen Medienvertreter, der irgendwie mit der Politik verwoben ist und in dem Web 2.0 Dinges irgendwie unterwegs ist. Eigentlich sieht alles ganz normal aus für die Bundesrepublik Deutschland des Jahres 2011. Wie gesagt eigentlich. Denn Steffen Seibert hat sehr gut verstanden, wie gut man Twitter verwenden kann um Informationen direkt unters Volk zu bringen. Das können sehr wichtige Dinge sein, oder eher alltäglicher Regierungsalltag, wie der Staatsbesuch der Kanzlerin in Amerika:

Kanzlerin reist Anfang Juni zu offiziellem Besuch nach Washington zu Gesprächen mit Präs. #Obama und Verleihung der Medal of Freedom

Die direkte Ansprache an das Volk, schnelle Informationsverbreitung und ein für den Bürger ansprechbares Bundespresseamt mögen manche als Fortschritt der Demokratie empfinden, für die Journalisten in der Hauptstadt hingegen ist es scheinbar eine Zumutung. Zumindest scheint dies so, wenn man sich das Video der gestrigen Bundespressekonferenz, das Carta online gestellt hat, ansieht:

Was jetzt für digital natives wie eine Farce wirkt kann man durchaus rational begründen: Den Nachrichtenagenturen geht es um einer Säule ihrer Existenzberechtigung: Ihre Exklusivität und ihre Geschwindigkeit. Ein twitternder Regierungssprecher gefährdet das Geschäftsmodell von DPA und DPP, die derzeit das Rückgrad des Deutschen Nachrichtensystems sind: Die Nachrichten, die über ihre Ticker laufen sind per Definition wichtig. Dabei liefern sie in der Regel kurze Artikel die sich zum kopieren – gerade für kleine lokale Tageszeitungen – perfekt eignen und hauptsächlich dazu dienen sollen die Kerninformationen zu transportieren – also zum Beispiel: Kanzlerin fährt nach Amerika zum Staatsbesuch. Wie diese Informationen im Gesamtkontext einzuordnen und zu werten ist – also ob das Ablenkungsmanöver ist, weil die Kanzlerin von den vergeigten Wahlen ablenken möchte oder ähnliches – wird eher von den Redaktionen der „Zeitungen“ selbst erledigt.

Geschwindigkeit und Exklusivität ist in dem Geschäft der Nachrichtenagenturen das A und O, denn nichts ist älter als eine Nachricht von gestern. Dieses Phänomen führt sogar so weit, dass über Wikileaks erst breit berichtet worden ist, als eine Publikation – der SPIEGEL – exklusive Rechte hatte. Bei den Enthüllungen zuvor waren zwar echte Skandale dabei, aber Wikileaks stellte sie für alle sichtbar im Netz und damit waren sie – obwohl öffentlich noch nicht durchgekaut – Schnee von gestern, viel zu groß war die Gefahr, dass ein Konkurrent schneller ist und die Recherchearbeit damit umsonst. Das gilt für Zeitungen und eben viel mehr für Nachrichtenagenturen.

Und wenn man das alles bedenkt, ergibt das Verhalten der Journalisten auf der Pressekonferenz auf einmal Sinn. Was der Regierungssprecher gestern twitterte kann man eben nicht noch einmal verkaufen, die Nachricht ist „verbreitet“, alt, wertlos. Twitter als Konkurrent für Nachrichtenagenturen mag für manche zu weit hergeholt sein, aber dem ist mitnichten so. Nachrichtenagenturen erfüllen drei Hauptaufgaben: Das dynamische tagesaktuelle Priorisieren von Nachrichten einzelner Quellen. Sie filtern sozusagen, welche Information und welche Themen gerade wichtig sind. Die zweite Aufgabe ist, wie bereits angesprochen, das Übertragen der grundlegenden Informationen an die Empfänger des Tickers. Die dritte eher für die Lokalzeitungen wichtige Aufgabe ist, die Informationen in Artikelform zu verpacken. Lokalzeitungen bauen aus diesen Texten ihre Deutschland und Internationale Rubriken auf.

Und genau die ersten beiden Aufgaben kann Twitter eindeutig gut erledigen. Wenn etwas Wichtiges passiert ist meine Timeline in der Regel voll von dieser Nachricht, eine Priorisierung findet also statt. Die grundlegende Informationen – wie etwa: „Wasserwerfer bei Demo von Durchschnittsbürgern gegen S21 eingesetzt“ werden dabei ohne Probleme vermittelt. Die Geschwindigkeit ist auch gegeben, Häufig kann man sagen: Gerade auf Twitter, in Stunden auf SPON und übermorgen in der Zeitung.

Nur bei der letzten Aufgabe versagt der Kurznachrichtendienst naturgemäß – Artikel sind einfach länger als 140 Zeichen. Dabei sollte man allerdings bedenken, dass Lokalzeitungen immer mehr in Bedrängnis geraten. Lokalzeitungen online haben – in Gegensatz zum Print – meist auch kaum noch Nachrichten außerhalb ihres Einzugsbereichs. Denkbar ist auf lange Sicht, das Texte unter der CC-Lizenz den Bedarf füllen können, zumindest wenn das Leistungsschutzrecht Deutschland nicht endgültig ins digitale Aus befördern sollte.

Ja, die Welt ist noch nicht so weit, das Nachrichtenagenturen in ihrer jetzigen Form überflüssig wären, aber es scheint sich die Entwicklung abzuzeichnen. Deutlich wird, dass in Zukunft Hiveminding bei der Nachrichtenverbreitung die Welt verändern wird, wobei man eingestehen muss, dass derzeit noch nicht alle Quellen an die Neuen Systeme angemessen angeschlossen sind. Zwar besitzen immer mehr Personen, Parteien und Pressestellen Twitteraccounts und Facebook-Pages, aber beim besten Willen noch nicht alle. Ich wage dennoch die Voraussage, dass es nicht mehr all zu lange dauern wird, bis sich die neuen Verbreitungssysteme gänzlich eingespielt haben und ab dann haben Nachrichtenagenturen ernstzunehmenden Konkurrenten, welche ihnen das Geschäft vermiesen werden.

Und genau daran stört sich – ob jetzt bewusst oder unbewusst – ein Teil der Hauptstadtjournalisten: Nur wenn man Exklusivität und einen Zeitvorsprung gegenüber dem Bürger besitzt, kann man sich diesen versilbern lassen. Wir werden daher in naher Zukunft immer häufiger erleben, wie einzelne Akteure in der Nachrichtenbranche sich über die Schmerzen beklagen, die dadurch verursacht werden, dass die Welt sich jetzt etwas anders dreht. Und wir als Gesellschaft sollten der Versuchung widerstehen das Ganze mit Schmerzmitteln – wie etwa ein Leistungsschutzrecht für Presseverlage – zu therapieren. Jeder Arzt weiß: Eine Krankheit kann man nicht heilen in dem man an den Symptomen herumdoktert, man macht es damit höchstens dem Patienten erträglicher. Der Schmerz ist in diesem Fall aber Vorraussetzung für die Heilung, nur durch ihn wird sich die Branche der neuen Zeit anpassen.

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6 Kommentare

  1. Name: sagt:

    „Heutejournal-Moderator“ -> „Heute-Moderator“

    1. Benjamin Stöcker sagt:

      Ich habe mal geändert

  2. Sabine Engelhardt sagt:

    Ich sehe da nur noch ein Problem: Twitter, Facebook und weitere Social-Media-Sites sind zentral. Bricht einer davon weg oder ist stundenlang mal wieder nicht erreichbar, dann stocken auch die Nachrichten derer, die das jeweilige Medium (primär) zur Nachrichtenverbreitung nutzen. Der nächste Schritt wären also konsequenterweise dezentrale Strukturen, sei es identi.ca oder eben einfach die eigene Website (mit RSS-Feed), um Tickernachrichten zu verbreiten.

    Gruß, Frosch

    1. Benjamin Stöcker sagt:

      Der RSS-Feed ist sicher auch ein gutes MIttel der Wahl, aber meist nicht so schnell und man neigt dazu, die Informationen „Aufzublähen“.

      Zentralität ist ein Problem, aber nicht das Problem – das gibt es bei der DPA durchaus auch (die darf nicht wegfallen)

  3. Hakan sagt:

    „Dieses Phänomen führt sogar so weit, dass über Wikileaks erst breit berichtet worden ist, als eine Publikation – der SPIEGEL – exklusive Rechte hatte.“

    Stimmt nicht und zwar auf zwei Ebenen nicht.

    a.) Über Wikieaks wurde vorher schon berichtet (Julius Bär, Collateral Murder, Irak-Protokolle). Hier wird ausschließlich auf die Botschaftsdepeschen Bezug genommen. Aber auch da ist die Behauptung falsch, denn:
    b.) Über Wikileaks konnte vorher nichts berichtet werden, weil es keine Informationen gab. Diese wurden dem Spiegel, der NYT, Guardian etc. zur Verfügung gestellt und diese Redaktionen haben in (monatelanger) Arbeit gefiltert, was für die jeweiligen Länder von Interesse sein könnte. Der Satz von Dir klammert das alles aus und tut so, als ob ein ganzes Land darauf wartet, dass der Spiegel endlich darüber berichtet. Das stimmt aber so nicht.
    c.) Der Spiegel hat nie die Rechte (!) an den Depeschen-Leaks besessen und das auch nie behauptet.

    „Bei den Enthüllungen zuvor waren zwar echte Skandale dabei, aber Wikileaks stellte sie für alle sichtbar im Netz und damit waren sie – obwohl öffentlich noch nicht durchgekaut – Schnee von gestern, viel zu groß war die Gefahr, dass ein Konkurrent schneller ist und die Recherchearbeit damit umsonst.“

    Stimmt auch nicht. Während der gesamten Aufstände im Nahen Osten und auch bei weiteren Aufständen und Politika in anderen Staaten (Uganda) hat der Guardian ununterbrochen Wikleaks-Depeschen zitiert.

    1. Benjamin Stöcker sagt:

      Ich gebe zu, ich habe hier simplifiziert – natürlich wurde vorher berichtet, aber nicht in diesem Ausmaß. Die Kooperation hatte auch den Sinn den Impact und die Berichterstattung zu erhöhen. Es wurde eben nicht in dieser Breite berichtet – und genau das steht da. (Das wort nicht dichtest du hinzu).

      Und nein, ich nehme nicht auf die Botschaftsdepeschen Bezug, sondern zum Beispiel den Toll-Collect-Verträge. Auch das Colletoral-Murder-Video war soweit ich weiß kein Titelthema eines deutschen Nachrichtenmagazins.

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