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Jun
22

Die verstümmelten Geschlechter – Intersexualität im Bundestag

Hermaphrodite - Zwittrige Gottheit bei den GriechenDie Griechen kannten schon Intersexualität
Bild: Mathas PetrikasCC-BY-NC

Vor ein paar Wochen habe ich einen Vortrag auf dem Frankenplenum über Interesexualität (Zwittertum) und die Situation in Deutschland gehalten. Kurz gesagt ist die Situation sehr betrübend. Intersexuelle werden im Kindesalter immer noch am Genital operiert, im Unklaren gehalten über ihren Zustand und zwanghaft in unser Bipolares Geschlechtermodell gezwungen.

Fakt ist: Bis zu 4% der geborenen Kinder sind nicht „eindeutig männlich oder weiblich“. Fakt ist ebenfalls, dass unsere Gesellschaft und unsere Gesetze das nicht vorsehen. Deswegen werden Klitoris reduziert und entfernt, Neovaginas angelegt und Menschen über ihr wahres Geschlecht und ihre wahre Identität angelogen um sie vor „Psychosozialen Traumata“ zu schützen. Die Behandlung von Intersexuellen Kindern in Deutschland ist menschenunwürdig und teilweise mit der Verstümmlung von Frauen in Afrika zu vergleichen. Es ist daher gut, dass im Deutschen Bundestag am Montag im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ein Antrag zur Intersexualität beraten wird.

So soll es Intersexuellen endlich ermöglicht werden ein drittes Geschlecht einzutragen um sich eben nicht mehr einem der beiden Geschlechter zuordnen zu müssen, auch wenn sie das vielleicht gar nicht wollen. Sie sollen bei statistischen Erhebungen endlich mit erfasst werden. Das wäre ein Schritt zum Ende des Ausschweigen ihrer Existenz.
Ebenfalls soll endlich das „prophylaktische Entfernen und Verändern von Genitalorganen“ – man könnte sagen, der Verstümmeln ihrer Geschlechtsorgane – unterbunden werden. Den Betroffenen und ihrer Umgebung soll mit Beratungsangeboten geholfen werden. Intersexualität soll Teil des Schulunterrichts werden und das Aufheben von Dokumentation der Operationen im Genitalbereich auf 30 Jahre verlängert werden.

Diese Forderungen, die auch ich am Frankenplenum vorgestellt habe, sind dringend nötig aber dennoch nur ein erster Schritt. Selbst Mediziner, die vom Ausschuss als Sachverständige befragt wurden, fordern weitergehende Maßnahmen – zum Beispiel das Verlegen der Geschlechtszuordnung auf die Volljährigkeit.

Die Einführung eines dritten Geschlecht hätte weitreichende rechtliche Folgen für viele Gesetze, vor allem dem Eherecht, zeigt ein weiterer Sachverständiger auf.

Die strukturelle Diskriminierung von Intersexuellen ist in unserer Gesellschaft weit stärker verankert als es dieser erste Vorstoß zu ändern vermag, aber es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Jegliche Benachteiligungen zu beseitigen, bedarf es ein allgemeines gesellschaftliches Umdenken über Geschlechter und Geschlechterrollenbilder – und das wird uns viel viel Zeit und Energie kosten. Man möge nur mal Artikel 3 unseres Grundgesetzes wörtlich lesen.

Das Ganze aufzurollen würde in einem sehr langen Text münden – weswegen ich dazu nochmal gesondert bloggen werde.

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1 Kommentar

1 Ping

  1. Michaela Raab sagt:

    Hallo Ben,

    das hast Du wirklich toll gemacht, Danke!

    Die öffentliche Anhörung im Bundestag kann man hier anschauen.

    http://www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/a13/themen/39209706_kw26_pa_familie/index.html

    Danke!

  1. Froschs Blog » Blog Archive » Im Netz aufgefischt #66 sagt:

    […] Freiheitsworte: Die verstümmelten Geschlechter – Intersexualität im Bundestag (via +Benjamin […]

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