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Sep
24

Fortschrittliche Quotenrealitäten?

Foto von Buttons mit der Aufschrift Boy (blau) und Girl (Pink)Unsere Erziehung prägt uns stark.
Bild: Ntr23CC-BY-NC-SA

Vorab: Dieser Artikel ergeht sich in Zweigeschlechtlichkeiten. Es wird der biologischen Realität, die keine zwei eindeutigen Geschlechter hat, nicht gerecht. Der Autor ist sich dessen voll bewusst, klammert aber aufgrund der Argumentationslage der „Gegenseite“ das Phänomen Intersexualität aus, obwohl das nicht sein sollte. Im Allgemeinen geht der Autor aber davon aus, dass die Benachteiligung der Frauen und die Geschlechterquote sich mehr auf die Geschlechterrollen als auf das biologische Geschlecht bezieht, wodurch diese Vereinfachung zur Argumentation hier auch manchmal hinreichend erscheint. Sollte sich jemand durch diese Vereinfachung verletzt fühlen, so bitte ich das zu entschuldigen.

Frauen sind massiv benachteiligt. Und zwar strukturell und nicht nur wenn es um ihren Anteil in Führungspositionen in Politik und Wirtschaft geht. Diese Strukturen gilt es aufzuweichen, entgegenzuwirken und letztendlich abzuschaffen. Die Piraten haben den Kampf gegen die Geschlechterdiskriminierung fest in ihrem Grundsatzprogramm verankert:

Jeder Mensch muß sich frei für den selbstgewählten Lebensentwurf und die von ihm gewünschte Form gleichberechtigten Zusammenlebens entscheiden können. …. Fremdbestimmte Zuordnungen zu einem Geschlecht oder zu Geschlechterrollen lehnen die PIRATEN ab. Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der Geschlechterrolle, der sexuellen Identität oder Orientierung ist Unrecht. Gesellschaftsstrukturen, die sich aus Geschlechterrollenbildern ergeben, werden dem Individuum nicht gerecht und müssen überwunden werden.

Viel eindeutiger kann man seine Ziele nicht formulieren. Und trotz dieser Eindeutigkeit haben die Piraten bisher weder die Frauenquote in der Gesellschaft gefordert noch eine in der eigenen Partei eingeführt. Gerade Mitglieder der Grünen scheinen sich daran immer wieder zu reiben. Denn Quote ist fortschrittlich, so zumindest der Landesvorsitzende der Grünen. Aber ist sie das wirklich?

Ignorieren wir, dass eine FrauenGeschlechterquote das binäre Geschlechtermodell – das nun wirklich nicht fortschrittlich ist – fördert, kann man immer noch festhalten: Die Frauenquote ist eine Erfindung der Achtziger Jahre. Die Grünen müssten sie mittlerweile mindestens zwanzig Jahre innerparteilich ausüben. Ziel der Quote war es – man korrigiere mich, wenn ich falsch liege – ein innerparteiliches Klima zu schaffen, in dem Frauen nicht mehr benachteiligt sind. Dazu werden die Frauen gezielt gefördert.

Ich frage mich, ob bei den Grünen nach so langer Zeit jemand mal Bilanz gezogen hat. Hat die Grüne Partei innerparteilich die Diskriminierung nach Geschlechtern gemildert? Hat sich das Rollenbild bei den eigenen Mitgliedern verändert? Und wenn ja, warum zeigt man seine Fortschrittlichkeit nicht dadurch, dass man die Quote abschafft?

Ich glaube die Grünen wissen selbst, dass auch sie eben nicht viel weiter sind als die Piraten. Nicht nur, dass sie sogar die Stimmabgabe quotieren – ich behaupte aus der Angst vor einem falschen Ergebnis – und dabei ihren Wahlvorschlag mit seinen Folgen selbst nicht abschätzen können, nein wer ehrlich nachdenkt, bemerkt, dass auch die Grünen noch männlich dominiert sind. Die bekanntesten Galionsfiguren, die Personen, die ganz vorne stehen, waren auch bei den Grünen ausnahmslos eins: Männlich. Beispiele gefällig? Joschka Fischer, Winfried Kretschmann, Sepp Daxenberger. By the way: Der einzige Hoffnungsträger der Piraten, der ein ähnliches Charisma nach außen zu haben scheint, ist Marina Weisband. Ein weiteres Beispiel männlicher Dominanz bei den Grünen zeigt sich im Bayerischen Landesvorstand. Klar gibt es eine Vorsitzende, deren fachliche Kompetenz unbestritten sein dürfte. Der polemische männliche Part überstrahlt diese Frau aber grandios.

Ein weiteres Beispiel darüber, dass auch bei den Grünen das klassische Rollenbild immer noch starke Auswirkungen hat, zeigt sich doch bei der Urwahl. Es gibt 15 Kandidaten, davon sind 12 Männlich. 11 dieser männlichen Kandidaten haben keinerlei Aussicht auf Erfolg – sie nutzen die Urwahl um sich zu profilieren. Es gibt drei weibliche Kandidaten. Alle drei haben Chancen und sind qualifiziert genug, den Posten zu übernehmen. Eine Kandidatenquote hätte euch vielleicht geholfen, auch hier zu übertünchen, dass ihr eben noch nicht so weit seit, dass eben auch bei euch nicht Gleichberechtigung herrscht.

Natürlich seid ihr Grünen daran nicht alleine „schuld“. Genauso wenig wie die Piraten alleine schuld an ihrem Problem mit dem Frauenmangel sind. Eine Partei kann nicht allein einfach die Rollenbilder einer Gesellschaft aufheben über Nacht. Es ist eine Aufgabe für Generationen und für die gesamte Gesellschaft. Und während die Piraten noch über eine FrauenGeschlechterquote in der Gesellschaft, zum Beispiel bei den Spitzenpositionen in der Wirtschaft, diskutieren, scheint uns durchaus eines zu einen: Der klare Wunsch, in unserer Partei ein Klima der Gleichberechtigung zu schaffen – ohne Quote.

Dass dieser Weg ein harter, steiniger und vor allem sehr, sehr langer Weg ist, dessen sind sich alle bewusst. Ja, die Piraten haben derzeit zu wenig Mitglieder jenseits des männlichen Rollenbildes in den vorderen Reihen. Und ja, das ist durchaus ein Problem. Aber genau hierzu steigt das Bewusstsein in der Partei- und zwar rasant. Das zeigt für mich die Wahl zum Bayerischen Landesvorstand sehr schön. Es gab insgesamt 1, 2,3,4,5, 6 Wahlgänge, bei denen Menschen mit weiblichen Rollenbild teilnahmen. In fünf von ihnen gewannen diese die Wahl, nur beim Vorsitzenden ging die Entscheidung auf einen männlichen Kandidaten, wobei 46% gegen einen amtierenden Landesvorsitzenden ein sehr starkes Ergebnis ist, dessen man sich nicht schämen muss. In einigen Wahlgängen lagen drei Frauen vorn. Im Ergebnis sind drei von acht Vorstandsposten durch Frauen besetzt. Das ist dafür, dass die Partei geschätzt 10% weibliche Mitglieder hat und gänzlich ohne Geschlechterquote arbeitet, ein gutes Ergebnis.

Sicher, auch die Piraten sind noch nicht bei einem innerparteilichen Klima angekommen, in dem die Geschlechterrollen gleichberechtigt sind. Aber liebe Grüne, liebe Journalisten, liebe Welt: Ist es nicht vermessen, von einer fünf Jahre alten Partei etwas zu verlangen, was die Partei der Geschlechtergleichberechtigung in 25 Jahre noch nicht erreicht hat? Eine Partei ist nunmal nicht aus der Gesellschaft zu trennen, die sie verändern will.

Ihr Grünen habt dabei den leichten Weg gewählt. Eine Frauenquote täuscht das passende Ergebnis in 50-Prozentmanier vor, auch wenn das grundlegende Problem – der Sexismus in der Gesellschaft und in der eigenen Partei – noch nicht behoben ist. Ich kann das verstehen und finde diesen Weg für die Gesellschaft in Form von Geschlechterquoten in der Wirtschaft durchaus umsetzenwert.

Für die Piraten sieht das anders aus, und liebe Grünen, die Piratenpartei ist eine Partei, die ein Vierteljahrhundert nach euch kam. Natürlich bedeutet das nicht, dass alles bei uns automatisch in Ordnung ist. Nein, es ist sichtbar, dass auch die Piraten das Problem noch nicht überwunden haben. Aber statt Ergebnisgleichheit sofort herzustellen, gehen Piraten einen härteren Weg. Die Mitglieder kämpfen mit sich selbst und mit dem Sexismus, der durch die kulturelle Prägung in uns allen steckt. Es wird versucht, sexistische Strukturen, die zur Benachteiligung der Frauenrolle führen, zu erkennen und zu verändern. Man lernt dazu, man bildet andere. Man macht aufmerksam, man schaut nicht weg – man spricht an. Durch Bildung, Aufmerksamkeit, Anstand und Zivilcourage wird versucht, das Problem zu bewältigen.

Die Piraten haben die Hoffnung, dass die Menschen unserer Generation so weit sind, dass dieser harte Weg – mag er noch so mühsam sein – Aussicht auf Erfolg hat. Andere mögen das Blauäugigkeit nennen – die Piraten nennen es Idealismus. Wenn die Anstrengungen und dieser Idealismus Erfolg haben und es die Piraten ohne Quote schaffen, ist das ein Riesengewinn für unsere Gesellschaft. Es würde zeigen, dass Geschlechterdiskriminierung überwindbar ist. Es würde zeigen, dass das Ziel, dass wir teilen erreichbar ist. Und genau für den Versuch, das Problem über den harten und steinigen Weg zu lösen, gebührt den Piraten ein gewisser Respekt. Wenn sie scheitern, sagt das mehr über unsere Gesellschaft aus, als über die Mitglieder der Partei.

tl:dr

Liebe Grünen: Die Quote ist nicht fortschrittlich. Sie ist ein Eingeständnis, das man es nicht ist. Sie ist der Wunsch fortschrittlich zu sein und zu gleich das Bekenntnis es nicht zu sein. Das Ziel der Frauenquote – prägen eines neuen Rollenbildes für Frauen und damit echte Gleichberechtigung – ergibt automatisch, dass die Frauenquote bei Umsetzung des Zieles wieder abgeschafft gehört. Fortschrittlich wäre eine Partei und eine Gesellschaft, die ohne sie auskommt und dabei dennoch Gleichberechtigung erreicht hätte. Das Bedarf mehr Einsatz, mehr Bildung, mehr Mut. Die Piraten wollen es so versuchen.

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1 Kommentar

  1. Benjamin Stöcker sagt:

    Kommentarbereich wegen Maskulistenoverrun geschlossen. Meinungen bitte per Mail an mich.

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