«

»

Jan
24

Verteidige den Kohlebergbau des 21 Jahrunderts!

Die Zeitungsbranche des 20 Jahrhundert.
Bild: Wolfgang StiefCC-BY

tl:dr Die Presseverlage machen mit steilen Thesen PR für das Leistungsschutzrecht, über die man nur den Kopf schütteln kann. Das LSR wird ihr Aussterben nicht verhindern, sondern nur verlängern, denn Roboter und Social Media machen sie überflüssig.

Gegen das geplante Leistungsschutzrecht für Presseverleger hat Google zu einer Aktion aufgerufen. Mit „Verteidige dein Netz“ versucht der Konzern, seine Reichweite im Netz zu nutzen und Druck auf die Bundesregierung zu machen. Der Verband der Deutschen Zeitungsverleger fühlte sich vorgestern auf eine Antwort zu Googles Argumenten genötigt und fordert: „Verteidige deine Presse!„. Und was die PR-Abteilung dieses Dinosauriers da zusammengeschrieben hat, ist nur mit einer großen Menge bewusstseinsverändernder Substanzen zu ertragen.

Beispiele? Unter Punkt 1 „argumentiert“ sie:

Bei der momentanen robots.txt können detaillierte Rechte-Informationen (wie Autor, Verlag oder Kosten gewerblicher Nutzung) jedoch nicht übermittelt werden, weshalb der gewerblichen Nutzung quasi keine Schranke in den Weg gestellt wird. Letztendlich geht es beim Leistungsschutzrecht ausschließlich um die gewerbliche Nutzung.

Na, wie viele von Euch haben zu Hause einen Crawler stehen und bieten – ganz ungewerblich – eine Suchmaschine an? Die ganze Argumentationskette ist schlicht kaputt. Darüber hinaus können die Verlage auch Google-News (was das eigentliche Ziel ist) aussperren und im „normalen“ Google-Index weiterhin aufgeführt sein. Das Argument ist also ein reines Scheinargument – denn bei der robots.txt geht es fast ausschließlich um gewerbliche Nutzung. Und natürlich bereitet man schon mal vor, dass Google die Verlage ja gar nicht aus dem Index schmeißen darf, denn Google hat ein Monopol. Zwangsabgabe, is klar, ne?

Da wirkt dann dieser Satz auch wie blanker Hohn:

Die deutschen Verlage bekennen sich ausdrücklich zu Suche und Aggregation.

Ihr glaubt, das war alles? Wartet, die können sich noch steigern:

Verlage sind für freie Links und Überschriften; es ist nur fair, dass etwa Aggregatoren eine Lizenz brauchen, um ihre auf fremden Inhalten basierenden Geschäftsmodelle zu realisieren. Das Prinzip des Leistungsschutzrechts ist also: wer gewerblich nutzen will, muss fragen.

Diese Definition von Freiheit ist doch auch mal was: Wir sind für Freiheit – sie braucht halt nur Lizenzen und Geld. Denn ohne Geld keine Freiheit, Ihr versteht? Aber das ist ja ok, denn das ist für die guten Journalisten – die langweiligen unprofessionellen Blogger sind ja gar nicht tangiert!

Blogger sind vom Leistungsschutzrecht nicht betroffen und können dadurch keinerlei Schaden erleiden. Die Menschen, die gefährdet sind, solange kein Leistungsschutzrecht besteht, sind die Journalisten: es gibt keine klaren Regeln für die gewerbliche Nutzung der journalistischen Erzeugnisse im Internet.

Und wenn man denkt, es geht nicht mehr, kommt noch was Abstruseres daher:

Diese monopolistischen und erstarrten Marktstrukturen könnten das Leistungsschutzrecht aufweichen und zur Entstehung neuartiger und qualitativ besserer Suchmaschinen und Aggregatoren beitragen. Dies ist wahrscheinlich einer der Gründe der massiven Kampagne von Google, das fest auf seiner Monopolstellung beharrt.

Ich glaube, ich klopfe mal bei rivva oder 1000flies an – diese haben nämlich wirklich geniale Konzepte, die Verlage eigentlich überflüssig machen – ob sie sich denn einen Wegezoll an die Verlage leisten können? Und überhaupt, da stehen ja auch Dinge von Nicht-Publishern:

Google verzerrt ganz klar den Begriff der „Publisher“, denn in Googles Definition umfasst er quasi jeden, der Inhalte im Netz veröffentlicht und Adsense auf seiner Internetpräsenz verwendet, selbst wenn dies nicht im gewerblichen Ausmaß geschieht.

Na, bemerkt Ihr was? Was nicht von den Verlagen kommt, das ist nichts wert. Und es ist schon gar nicht „veröffentlicht“ #drölf.

Und wenn wir schon dabei sind: es geht ja mal gar nicht, dass Verlage keinen garantierten Gewinn machen.

Es stimmt, dass bestimmte Verlage im Internet mittlerweile erfolgreich sind, jedoch gilt dies nicht für alle.[…] Bei mangelnder Kontrolle und einem fehlendem rechtlichen Rahmen für die gewerbliche Nutzung der Presseerzeugnisse ist es für Verlage, und besonders oft für kleine mit geringerem Startkapital, besonders schwer, Profit aus ihrer Investition zu schlagen.

Erfolgsgarantie für alle bitte! Schließlich sind Verlage wichtiger als diese Banken – und die wurden ja auch alle gerettet! Und dann noch mal kurz die Behauptung eingestreut, dass der Journalismus in Deutschland ja am Internet stirbt. Dass die Zeitungen bereits seit den 80er Jahren in der Krise sind, wird mal wieder total vergessen. Da bekommt man Lust, das Blog vonChristian Jakubetz auszudrucken, nur um es den Zeitungsverlegern einmal um die Ohren zu hauen.

Und überhaupt, was haben wir uns eigentlich so? Wir könnten den Verlagen doch einfach vertrauen!

Das LSR wird schnell, unbürokratisch und leistungsstark von den Verlagen umgesetzt und letztendlich zu mehr Konkurrenz und Innovation im Bereich der Suche und Aggregation führen.

Was ich aber besonders witzig finde ist, dass der eigentliche Punkt, um den es in dem Streit wirklich geht, in dem Pamphlet Werbetext der Presseverleger nur angeschnitten wird:

Jeder Verlag freut sich über Traffic von außen. Die Realität ist jedoch, dass Nachrichtüberblicke, Volltexte oder Komplettkopien von den Aggregatoren und Suchmaschinen angeboten werden, was quasi eine Art Konkurrenz schafft. Jeder Text, der außerhalb der eigenen Webseite gelesen wird, kann vom Verlag nicht mehr verkauft oder mit Werbung begleitet werden. Auch Nachrichtenüberblicke mit Kurzauszügen aus Artikeln („Snippets“) richten Schaden an, wenn sie die Leser von den Verlagsseiten fernhalten. Suchdienste wie Google-News können das Bedürfnis nach einem schnellen Update bereits befriedigen, ohne dass die User zum Original durchklicken – der kurze Überblick für den Moment kann bereits ausreichen. Es stimmt, dass Traffic von Suchmaschinen und Aggregatoren gut ist – jedoch nur, wenn er auch ankommt. Gegenstand der Debatte ist ausschließlich jener Anteil der Leser, der bei Suchmaschinen und Aggregatoren hängen bleibt.

Mal davon abgesehen, dass sie ganz schön dick auftragen, da das Kopieren ganzer Artikel bereits jetzt durch das Urheberrecht klar verboten ist, sagen sie hier kurz und knapp, was Sache ist: Roboter und Social Media machen sie überflüssig. Das habe ich schon vor Urzeiten dargelegt:

Google-News macht damit natürlich der Startseite der großen Nachrichtenportale, wie etwa sueddeutsche.de und spon.de Konkurrenz. Das Ganze auch noch voll automatisiert und mit nur geringem menschlichen Einsatz, d. h. auch nahezu kostenfrei. Durch die Metaanalyse mehrerer Seiten kann Google dabei die wirklich wichtigen Themen problemlos herausfiltern. Bei den Verlagen wird dieser Job von Menschen gemacht. Diese entscheiden, welche Nachricht wichtig ist und welche nicht. Sie lesen Ticker wie den der dpa, schauen, welche Texte andere Verlage veröffentlichen, um zu sehen, was man selbst vielleicht verpasst hat. Menschliche Arbeitskraft gegen Maschinen. Dieses Spannungsfeld dürfte bekannt sein, und wir wissen ja, was da auf lange Sicht wirtschaftlicher ist.

Ich werde da mal deutlicher: Die Startseiten der großen Verlage werden immer unwichtiger – sie sind ein Modell aus dem letzten Jahrhundert. Der Hivemind wird mit Unterstüzung von Algorithmen bestimmen, was ein guter Text ist, was Nachricht ist, was wichtig ist. Mir ist klar, dass den Zeitungsverlagen, die bisher zusammen mit den Nachrichtenagenturen hier eine Oligopolstellung innehatten, das nicht gefällt. Demokratischer wird diese neue Publikative allemal.

Das Leistungsschutzrecht wird diesen Prozess höchstens verlangsamen. Verhindern wird es ihn nicht. Es reiht sich damit ein in die Wirtschaftspolitik alter Tage: einer mächtigen Industrie wird mit Subventionen das Sterben versüßt – neu ist, dass man diese Subventionen nicht mehr aus Steuermitteln finanziert.

Mein Rat wäre daher, den Verlagen deutlich zu zeigen, wie der Journalismus der Zukunft aussieht und ihnen zu sagen:

Geht doch bitte in Würde sterben.

Aber das wird genauso wenig passieren wie beim Kohlebergbau – es ist einfach zu wenig deutsch.

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar