«

»

Feb
14

Seht ihr das da hinten – das Licht?

Kommt zum Licht am Ende des Tunnels.
Bild: Fernando de SousaCC-BY-SA

tl;dr Das Problem der Piraten ist unsere eigene Politikverdrossenheit. Nur wenn wir uns gemeinsam auf unsere Inhalte und deren Vermittlung konzentrieren, wird es etwas mit den 5%.

Liebe Piraten, ich sage das selten, aber wir müssen reden.

Wir schreiben das Jahr 2013. Superwahljahr. Wir haben Bundestagswahl und drei Landtagswahlen. Eigentlich müssten wir längst im Wahlkampfmodus sein. Themen besetzen, Leute überzeugen. Stattdessen gibt Spiegel Online unseren Heldentod bekannt.

Und sicher ist der Artikel übertrieben, aber an ihm ist etwas dran: wir Piraten geben nach außen ein miserables Bild ab. Und nein, daran ist nicht Johannes Ponader alleine schuld. Oder Christopher Lauer. Oder Bernd Schlömer. Oder Stefan Körner. Oder Klaus Peukert. Nein, wir failen alle. Gemeinsam. Wie wir gemeinsam Siege einfahren, sind wir auch alle gemeinsam an dem failen schuld.

Sicher, der Lauer hat doofe SMS geschrieben. Sicher, der Ponader hat die online gestellt. Sicher, der Peukert hat darüber getwittert, wie das mit der Sperrfrist war. Sicher, der Stefan Körner hat den politischen Aschermittwoch missbraucht, um Ponaders Rücktritt in den Vordergrund zu stellen. Und Schlömer hat… ach irgendwas hat der sicher auch mal falsch gemacht. Und alle sind schuld. Nur du nicht, nicht wahr?

Und jetzt gehe in dich. Hast du über den letzten Antrag von Christopher Lauer im Abgeordnetenhaus getwittert? Wann hast du das letzte Mal die Webseite der Piratenpartei oder deines Landesverbandes gelesen und einen politischen Beitrag von dort getwittert, geliked, geshared? Twitterst du öftes über unsere Streits oder Twitterst du öfter über unsere Inhalte? Du twitterst öfter über Innerparteiliches? Öfter als über unsere Themen? Willkommen: Du bist Teil des Problems.

Du glaubst mir nicht? Kennst du das Arbeitnehmerdatenschutzgesetz? Absolutes Piratenthema. Wir sollten uns da blind einig sein. Hast du mitbekommen das wir das Thema bearbeiten? Nein? Haben wir, zumindest etwas. Hast du nicht mitbekommen? Aber das SMS Gate schon? Denkst du, das sollte so sein?

Denn seien wir doch mal ehrlich: solange unsere eigenen Mitglieder sich für unsere Politik nicht interessieren, warum sollten es dann die anderen?

Der Kern des Problems der Piraten sind nicht Personen. Der Kern des Problems der Piraten ist, das wir uns maßlos um uns selbst drehen und nicht um unsere Inhalte. Manchmal habe ich den Eindruck, das Blog „Popcornpiraten“ ist für die Mitglieder wichtiger als die Homepage der Partei. Und ja, das ist ein Problem. Unser aller Problem.

Noch mehr Beispiele gefällig? Schon mal was von der SMV-Con gehört? Ja? Was wird dort besprochen? Wie die Piraten eine ständige Mitgliederversammlung über das Internet veranstalten können. Interessantes Thema für die Weiterentwicklung der Partei, keine Frage. Werden wir damit Wahlen gewinnen? Sicherlich nicht. Wir haben ein umfangreiches Grundsatzprogramm, an der Beschlusslage fehlt es derzeit nicht. Wir haben ein queeres Familienprogramm, das Visionär ist. Kommen wir damit auf queer.de vor? Nein. Wird eine SMV das ändern? Nein. Dennoch machen wir eine SMV-Con.

Ihr sagt jetzt: Aber es geht da um die Zukunft der Demokratie, versprechen wir auch, müssen wir liefern! Gebe ich euch vollkommen recht, aber wir haben Wahljahr und den Wähler interessiert es nicht sonderlich, wie wir unsere Beschlüsse gefasst haben. Er wird uns fragen: wie wollt ihr unser Land verändern?

Und genau das wäre im Wahlkampfjahr eine Konferenz wert: Ja zur Hölle, wie wollen wir denn die parlamentarische Demokratie, in der wir leben, verändern? Wie wollen wir das Parlament verändern? Da gäbe es erste Ansätze. SMV ist sicher wichtig, aber bis September ist Wahlkampf. So etwas wie die SMV-Con macht man genau im Jahr 1 nach einer Bundestagswahl. Nicht mittendrin. Aber das ist nicht relevant, es dreht sich nicht um uns selbst, nicht wahr? Beachtet mal die Beteiligung. Sie liegt ungefähr bei einem Drittel der Stimmen, die sich bei einer SMV Abstimmung beteiligen.

Sollte das nicht umgedreht sein? Sind wir nicht mal angetreten, um dieses Land zu verändern? Haben wir nicht einen großen gemeinsamen Wertekanon, für den es sich zu kämpfen lohnt? Wann haben wir eigentlich aufgehört dafür zu kämpfen? Warum sind die SMS, die unser Politischer Geschäftsführer empfängt, für uns wichtiger?

Diese Priorisierung des innerparteilichen Streits ist sogar schon so selbstverständlich geworden, dass Piraten es als Beleidigung empfinden, wenn man neben dem Piratigen Aschermittwoch nicht über die Streittweets zwischen einem Landesvorsitzenden und einem Bundesvorstand reden möchte, sondern vielleicht über die grandiosen Reden, die dort gehalten wurden.

Habe ich schon erwähnt, dass wir Wahlkampf haben? Seht ihr das Licht da hinten? Das ist der 22. September. Das sind die 5%. Um die zu erreichen, bedarf es unsererseits nicht viel und scheinbar doch mehr, als wir derzeit leisten: Aufhören mit dem um uns selbst drehen.

Zusammen ackern, an Themen. Inhalte über den Arbeitnehmerdatenschutz, über die Homoehe, über die Vorratsdatenspeicherung, über das Bundestagswahlgesetz, über Nebeneinkünfte von Abgeordneten schreiben, produzieren, online stellen, bewerben. Wir sollten bei (Lobby)Vereinigungen anrufen und ihnen Gespräche anbieten, wir sollten auf die Straße gehen und für unsere Überzeugungen kämpfen.

Die SMS-Inbox von Ponader enthält das alles nicht.

Inhalte zu besetzen, zu vermitteln, ist nicht nur der Job von unseren Vorständen, unseren Kandidaten. Das ist unser aller Job. Meiner und Deiner. Und wir sollten uns gegenseitig bewerben und dem anderen den Erfolg gönnen, mal eine Kröte schlucken, wenn uns etwas nicht ganz zu 100% gefällt und einfach weitermachen. Wenn wir alle anfangen uns auf Politik zu konzentrieren, werden wir Reichweite für diese gewinnen. Das Web, unsere Heimat bietet uns alles was wir dazu brauchen. In ihm liegt unsere Stärke.

Wenn du das nächste Mal statt dich über einen Vorstand aufzuregen einen Artikel über sterbende Bienen twitterst oder auf Facebook teilst, erreicht das vielleicht deinen Bekannten der Imker ist, und der sich dann mit uns, mit unseren Inhalten auseinandersetzt. Vielleicht die Autorin des Artikels kontaktiert, um ihr Kontakte zu vermitteln. Das wäre doch mal was, sinnvoller als unsere Streits allemal.

Wir sind unsere Öffentlichkeitsarbeit.

Siehst du den Strich im Licht am Ende des Tunnels? Das sind die Handvoll Piraten, die dort stehen und inhaltlich arbeiten, unsere Themen vermitteln, genau das tun, was wir alle tun müssen, damit es klappt mit den 5% am 22. September.

Ich werde jetzt wieder zu ihnen gehen. Mit ihnen rocken, handeln und ja auch Fehler machen. Aber ich riskiere es, konzentriere mich darauf dieses Land zu verändern. In unserem Sinne. Und du so?

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar